Stadt Münster: Villa ten Hompel - 2017-10-10 Erzählcafé

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„Ankommen nach 1945 im Münsterland: als Protestanten in fremder katholischer Nachbarschaft“ – ein Erzählcafé zwischen den Generationen

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Teilnehmer/innen des Erzählcafés in der Villa ten Hompel

„Man sollte viel öfter miteinander ins Gespräch kommen“ – darin waren sich die jungen und die alten Teilnehmer des Erzählcafés einig, das aus Anlass des Reformationsjahres am Donnerstag, 5. Oktober 2017 von 15 bis 17 Uhr im Geschichtsort Villa ten Hompel stattfand.

13 Schülerinnen und Schülern der Klasse 9a des Annette-Gymnasiums trafen dort auf sieben Frauen zwischen 77 und 92 Jahren sowie einen 78-jährigen Mann, die als protestantische Flüchtlingskinder und Jugendliche in den Jahren 1945/46 ins katholischen Münsterland gekommen waren.

Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken befragten die Schülerinnen und Schüler jeweils zu zweit oder zu dritt ihre Gesprächspartner zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen nach der Ankunft im Münsterland. Dabei wurden sie von jeweils zwei Teamerinnen und Teamern der Villa ten Hompel im Gespräch unterstützt.

Im Geschichtsunterricht hatten die Schülerinnen und Schüler zuvor gemeinsam mit ihren Mitschülern Fragen an ihre Interviewpartner vorbereitet: Haben sich ihre Gesprächspartner in der katholischen Umgebung zunächst unwohl gefühlt? Durfte man mit katholischen Mitschülern spielen oder lud man sich gegenseitig zu Geburtstagen ein? Wie reagierten Eltern auf Kontakte zwischen katholischen und evangelischen Kindern? Was passierte, wenn man sich als protestantischer Jugendlicher in ein katholisches Mädchen oder als evangelisches Mädchen in einen katholischen Jungen verliebte? Wohnten die evangelischen Flüchtlinge damals in einem Haus mit katholischen Nachbarn und kam es dabei vielleicht zu Konflikten, beispielsweise an bestimmten Feiertagen wie am Karfreitag oder am Reformationstag? Gab es materielle Unterstützung für die evangelischen Flüchtlinge von katholischen Mitbürgern, zum Beispiel in Form von Nahrungsmitteln oder Sachspenden? Wie sah der Alltag in der Schule zwischen katholischen und protestantischen Schülern aus?

Die Schwestern Irmgard Abend und Annelies Karbach-Mittel, geboren 1934 und 1936 in Wolfskirch (Wilczkowice) bei Breslau (Wrocław), berichteten Julius und Linus beispielsweise, dass es in der Schule in Lüdinghausen, wohin sie nach ihrer Flucht aus Niederschlesien gekommen waren, separate Toilettentrakte für katholische und evangelische Schüler gegeben habe. Die evangelischen Kinder mussten durch den katholischen Trakt zu ihren Toiletten laufen. Dabei gingen sie in Zweiergruppen und wurden meist von ein oder zwei Lehrern begleitet, da sie auf dem Weg oft mit Steinen beworfen wurden. Eine Schwester der beiden wurde sogar einmal von einem Stein am Kopf getroffen und erlitt eine Gehirnerschütterung. Gänzlich andere Erfahrungen machten die beiden Schwestern hingegen außerhalb der Schule, z. B. in ihren Sportvereinen. Dort hätten sie auch viele katholische Freunde gehabt und seien gut integriert gewesen. Halt fanden sie zudem in der evangelischen Kirchengemeinde, zu der sie jeden Sonntag fünf Kilometer laufen mussten. Der Kirchgang war den beiden Schwestern sehr wichtig, ebenso wie die Bewahrung von Traditionen, weil beides eine Rückkehr zur Normalität bedeutete.

Marianne Schmidt, geboren 1937 im niederschlesischen Weißenstein (Biały Kamień), entgegnete auf die Frage von Lea und Pina, an welchen Moment nach ihrer Ankunft sie sich am besten erinnern könne: „Besonders war für mich der Moment, als ich auf den [katholischen] Bauernhof kam [zu dem Zeitpunkt war sie ca. zehn Jahre alt]. Dort hatte ich zum ersten Mal wieder das Gefühl, ein Zuhause zu haben und angekommen zu sein. Ich musste zwar viel und auch schwer arbeiten, aber ich gehörte dann einfach mit zur Familie. [...] Der Bauer hat mir auch später unter anderem mein Konfirmationskleid bezahlt." Gerade im zwischenmenschlichen Bereich gab es immer wieder positive Erlebnisse zwischen katholischen Nachbarn und protestantischen Flüchtlingen. So erzählte auch Helge Flint (geb. 1937), die 1945 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Hohensalza (Inowrocław) in Pommern über Rügen und Melle nach Münster geflohen war, ihren Gesprächspartnerinnen Julia, Sophia und Varumilla, dass die katholischen und evangelischen Kinder zwar zusammen gespielt hätten, dass aber immer wieder mehr oder weniger beleidigende Reime über die jeweils andere Konfession gemacht wurden – dies sei jedoch von den Kindern nicht unbedingt ernst gemeint gewesen. Vielmehr habe sie den Eindruck gehabt, dass hier Vorurteile der Erwachsenen unter den Kindern weitergegeben wurden.

In den vielen Gesprächen wurde immer wieder deutlich, dass die protestantischen Flüchtlinge im katholischen Münsterland sowohl Ablehnung und Ausgrenzung als auch gemeinsames Miteinander und gelebte Ökumene erfahren haben.

Der Dialog zwischen den Generationen in der Villa ten Hompel war für alle Beteiligten sehr interessant, aufschlussreich und menschlich sichtlich bewegend. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir als Gesellschaft erneut vor der Herausforderung stehen, eine große Anzahl von Flüchtlingen zu integrieren, hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, aus den Erfahrungen und Erzählungen der älteren Generation für unsere heutige Gegenwart zu lernen. Sowohl die Zeitzeugen als auch die Schülerinnen und Schüler haben sich über das Interesse und die Wertschätzung der jeweils anderen Generation sehr gefreut.

Am Erzählcafé nahmen aus der Klasse 9a des Annette-Gymnasiums teil: Julius Domagk, Hendrik Garmann, Pina Gerding, Lea Kamphuis, Nils Lammers, Fee und Sophia Lepsien, Linus Knickenberg, Julia Pago, Luca Steingaß, Paul Troschel, Varumilla Varatharajan und Charlotte Weßling.

Ihre Gesprächspartner/innen waren: Irmgard Abend (geb. 1934), Annelies Karbach-Nickel (geb. 1936), Helge Flint (geb. 1937), Martin Hübner (geb. 1939), Edeltraud Klyszcz (geb. 1925), Renate Meyer (geb. 1940), Marianne Schmidt (geb. 1937) und Verena Walter (geb. 1934).

Unterstützt wurden die Gesprächsrunden zwischen den Generationen von zwölf Teamerinnen und Teamern der Villa ten Hompel.

Die Idee zu dem Projekt hatten Bärbel Dahlhaus (Evangelische Frauenhilfe der Epiphanias-Gemeinde Münster, bis 2012 stellvertretende Schulleiterin des Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasiums), Dr. Gundula Caspary (Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasium) und Stefan Querl (stellvertretender Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel, Münster).

Kooperationspartner des Projektes waren der Geschichtsort Villa ten Hompel, die Evangelische Frauenhilfe, das Annette von Droste-Hülshoff-Gymnasium MS und die RAG Münsterland von "Gegen Vergessen - für Demokratie".


 

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