Stadt Münster: Villa ten Hompel - Kolloquium GGG 2017

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Ertragreiche Tagung in der Villa ten Hompel zu „Geschichte- Gewalt – Gewissen“

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Dr. Marco Dräger präsentiert seine Forschungen.

Vor zwei Jahren wurde die viel beachtete neue Dauerausstellung der Villa ten Hompel eröffnet. Der programmatische Titel „Geschichte – Gewalt – Gewissen“ diente nun als methodischer Anker einer Tagung am münsterschen Geschichtsort. Mit Hilfe der drei Schlüsselbegriffe, so betonten es Alfons Kenkmann und Christoph Spieker als ehemaliger und aktueller Leiter der Villa ten Hompel bei der Eröffnung, können Themen der jüngeren Zeitgeschichte wissenschaftlich wie didaktisch neu justiert werden und so „Trassen“ durch Themengebiete geschlagen und „Vernetzungen“ aufgezeigt werden.

In vier Fachvorträgen wurde dieser analytische Ansatz vorgestellt und intensiv mit dem Publikum diskutiert.

Martin Winter (Leipzig) beschäftigte sich mit dem letzten grausamen Kapitel der NS-Gewaltherrschaft, den Todesmärschen von KZ-Häftlingen. Dabei nahm er besonders die wechselnden Rollen der Bevölkerung im ländlichen Raum in den Fokus. Dominierte bei den Dorfgemeinschaften so lange Passivität, wie SS oder Polizei die qualvollen Märsche der Häftlinge brutal begleiteten, so wechselte die Rolle der lokalen Bevölkerung in dem Moment der finalen Kriegsphase, wo diese deutschen Truppen sich wegen heranrückender alliierter Einheiten unkontrolliert entfernten. Die ihrem Schicksal überlassenen Häftlinge wurden nun nicht als Hilfsbedürftige angesehen, sondern als potenzielle Gefahr, so dass es auch seitens von Zivilisten nicht nur zu unterlassener Hilfeleistung kam, sondern auch zu massenhaften gewaltsamen Übergriffen bis hin zu systematischen Vertreibungs- und sogar Tötungsaktionen.

Thomas Köhler (Münster) beleuchtete den Auftakt der uniformierten Polizei in den Vernichtungskrieg. Durch eine zeitliche Tiefenbohrung auf das erste Kriegsjahr nach September 1939 machte er deutlich, wie sich die Ordnungspolizei neben Wehrmacht und SS-Truppen einen beinahe autonomen Machtkorridor hinter den Frontlinien schuf, um dort als „Generalprobe zum Genozid“ systematisch den Mord an den polnischen Juden umzusetzen, der ein Jahr später dann häufig von denselben Polizeibataillonen vor allem auf sowjetischem Gebiet im Genozid am europäischen Judentum eskalierte. Antisemitischer Weltanschauungsunterricht war dabei ein tatlegitimierendes Instrument, damit die mordenden Polizisten ein „gutes Gewissen“ aus NS-Perspektive bewahren sollten, wie auch aus zeitnahen Polizeiveröffentlichungen im Bereich der Grauen Literatur hervorgeht, die ebenfalls analysiert wurden.

Dr. Marco Dräger (Göttingen) untersuchte die wechselvolle Geschichte der Deserteurs-Denkmäler in der Bundesrepublik. Entgegen der Auffassung, dass in Großstädten etwa wegen des universitären Umfeldes früher und intensiver dieser lange Zeit vergessenen Opfergruppe geschichtskulturell gedacht wurde, machte Dräger deutlich, dass auch gerade von kleinstädtischen und ländlichen Regionen aufgrund lokaler Geschichtsinitiativen ein Innovationscharakter ausging. Dabei lassen sich die Denkmäler in ihrer Formensprache wie begleitender Textinstallationen nicht eins zu eins in die geschichtskulturellen Zeitmodelle des Umgangs der BRD mit der NS-Vergangenheit einordnen, schon weil die nachkriegsdeutsche Erinnerungsbereitschaft und Anerkennung von Desertion während der NS-Zeit deutlich verspätet einsetzte. Nordrhein-Westfalen ist dabei bis heute beinahe ein „weißer Fleck“ auf der Landkarte der Denkmäler für getötete Deserteure.

Martin Hölzl (Berlin) schließlich widmete sich intensiv der Überprüfungs- und Entziehungspraxis bei Kriegsopferrenten von NS-Tätern im Bundesarbeitsministerium. Teils eklatante Normverschiebungen wirken heute befremdlich, etwa wenn die Witwe Reinhard Heydrichs eine Kriegsopferrente in der BRD erhielt, weil ihr Mann, der berüchtigte Chef der Sicherheitspolizei und NS-Verbrecher, in Folge eines Attentats in Tschechien ums Leben kam. Hölzl machte aber in seiner Analyse deutlich, dass der bürokratische Ansatz die fachfremden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfordern musste, nicht nur allein wegen der großen Masse der zu überprüfenden Opferrentenfälle. Dabei präsentierte er auch neuartige Quellen für die künftige historische Forschung, etwa wenn potenzielle NS-Täter, die eine Opferrente erhielten, angeschrieben wurden und sich – außerhalb von Gerichten – zur Sache und ihrer Rolle in der NS-Zeit äußerten.

Der auf der Tagung erfolgreich erprobte Analyseansatz zu „Geschichte- Gewalt - Gewissen“ bietet das Potential, Forschungsfelder der neueren Zeitgeschichte, die die hausgeschichtlichen Themen des Geschichtsorts Villa ten Hompel direkt oder indirekt tangieren, als Grundlage für einen Konzeptband nutzbar zu machen.


 

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