Stadt Münster: Villa ten Hompel - Israel-Schulbuchreise 2018

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Binationaler Erfahrungsaustausch

Münsteraner Delegation reist zum "Digitalisierungsgipfel" in Israel

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Die Delegation aus NRW-Gedenkstätten in Israel

Der Geschichtsort Villa ten Hompel der Stadt Münster entsandte jüngst eine Abordnung nach Israel, um den vom Land NRW geschlossenen Kooperationsvertrag mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem weiter mit Leben zu füllen. Im Fokus des intensiven Austausches standen neue digitale Formate und Bildungsmaterialien. Entwickelt wurden diese von der deutsch-israelischen Schulbuchkommission und der International School for Holocaust Studies Yad Vashem.

Entspricht es noch dem Geist unserer Zeit, dass Schülerinnen und Schüler mit schweren Hardcover-Schulbüchern im Geschichtsunterricht arbeiten? Auf den ersten Blick mag die Frage als eine rhetorische daherkommen. Die Omnipräsenz von WhatsApp, YouTube und Goolge Drive liegt im wahrsten Sinne des Wortes „auf der Hand“. Bereits jetzt stehen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, Unterrichtsmaterialien im World Wide Web für das Klassenzimmer und den Schreibtisch zu Hause zugänglich zu machen.

Das Potential von Messenger- und Cloud-Diensten bereichert das israelische Schulwesen. Sie bieten abgelegenen Siedlergebieten mit geringen Schülerzahlen die Chance, dem Unterricht online zu folgen. Aufgaben der Schülerinnen und Schüler werden in WhatsApp eingestellt und diskutiert. Hält die Chat-Gruppe als „digitales Klassenzimmer 2.0“ auch in Deutschland Einzug?

Mit einer allzu schnellen Implementierung in das deutsche Bildungssystem wird nicht zu rechnen sein. Neben rechtlichen Fragen des Datenschutzes muss sichergestellt werden, dass jede Schülerin und jeder Schüler Zugang zu einem Laptop oder PC besitzt. Öffentliche PC-Pools in Schulen stünden hier zur Debatte, wenn nicht schon eines der Geräte zum Standardinventar einer Einschulungstüte der „Generation Smartphone“ gehören soll. Eine Frage der Ressourcen des Landes NRW also, wenn die Teilhabe an Bildung weiterhin keine Frage des Einkommens der Eltern darstellen soll.

Der Ansatz der deutsch-israelischen Schulbuchkommission sieht vor, dass durch Links in Schulbüchern auf die Materialien zugegriffen werden kann. Mit Hilfe interaktiver Elemente und dem Einbau von YouTube-Videos werden die Schülerinnen und Schüler an E-Learning-Plattformen herangeführt. In der dort zu behandelnden Einheit „Zweier Heimatländer Schmerz – Deutschsprachige Einwanderer nach Palästina in den 1930er Jahren“ findet sich die notwendige Multiperspektivität einer deutsch-jüdischen Geschichte. Diese habe weitaus mehr zu bieten, als die ausschließliche Behandlung im Kontext des Holocausts, so Dr. Dirk Sadowski vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Gemeinsam mit Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Geschichtsdidaktiker der Universität Leipzig sowie Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW, und Dr. Martin Liepach vom Jüdischen Museum Frankfurt gehört er der Deutsch-Israelischen Schulbuchkommission an. Gemeinsam haben sie Bildungsmaterialien entwickelt, die zentrale Befunde ihrer Forschungen beheben: Denn bisher findet jüdische Geschichte nach 1945 kaum Erwähnung in deutschen Schulbüchern, betonte Dr. Liepach. Als eine „fatale Engführung“ kritisierte Prof. Dr. Kenkmann das Vorgehen der Schulbuchautoren, den Staat Israel nur auf seine vermeintlich kriegstreibende Rolle im Nahost-Konflikt zu reduzieren. Dementsprechend stehen die vielseitigen deutsch-israelischen Beziehungen seit Gründung des Staats Israels 1948 im Mittelpunkt der Bildungsmodule: Das Luxemburger Abkommen und die so genannte „große Alija“, die Auswanderungswelle europäischer Juden in das damalige Palästina, werden aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt.

Auch die NS-Geschichte aus mehreren Blickwinkeln zu vermitteln ist Anspruch der zentralen Holocaustgedenkstätte in Israel, Yad Vashem. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen haben sie Bildungsmaterial entwickelt, das ein ausgewähltes Verbrechen sowohl aus Opfer- als auch Täterperspektive darstellt.

Auch die Villa ten Hompel war an der Entwicklung dieser Materialien zu den Bialystok-Prozessen beteiligt. Sie weisen ebenfalls einen hohen pädagogisch Anspruch auf, indem sie die Vor- und Nachgeschichte eines Verbrechens berücksichtigen, das während des Holocausts stattgefunden hat. Dieses Konzept helfe zu verstehen, dass die Ermordung von Personen jüdischer Glaubensangehörigkeit weder vor der Zeit des Nationalsozialismus noch danach eine legitime Handlung darstellte (Deborah Hartmann, Yad Vashem).

Neben der inhaltlichen Diskussion wurden die Teilnehmer durch Prof. Dr. Kenkmann auf die Gefahr der Digitalisierung für die Arbeit mit Quellen als historische Kernkompetenz hingewiesen: „Wenn Schülerinnen und Schüler auf die Frage: Mit welcher Art von Quelle arbeiten wir gerade? Mt PDF! antworten, ist das mehr als bedenklich für den Geschichtsunterricht.“

Unter Leitung von Prof. Dr Alfons Kenkmann, Dr. Dirk Sadowski und Dr. Martin Liepach ermöglichten vor allem die Vertreter der israelischen Einrichtungen einen wertvollen binationalen Erfahrungsaustausch. Ein besonderer Dank geht daher an die gastgebenden Institute: Das Matach-Institute (Center for Educational Technology) in Tel Aviv und die International School for Holocaust Studies Yad Vashem (German Desk) in Jerusalem. Finanziell unterstützt und gefördert wurde die Reise durch die Landeszentrale für politische Bildung NRW.

Text: Lukas Esser


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