Leseempfehlung: "Jahrhundertzeuge Ben Ferencz"

Rezension von Dr. Philipp Erdmann (Münster)

Foto: Ben Ferencz 1946, er steht an einem Pult mit Mikrofon

Ausschnitt des Buchcovers

Philipp Gut: Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Piper Verlag, München 2020

Wer von brutalen Morden an Kindern, von Lebensbedingungen in Konzentrationslagern und von nationalsozialistischen Überzeugungstätern liest, versöhnt sich kaum mit der Geschichte. Um gleich vorwegzunehmen: Auch Philipp Guts Biographie des "Jahrhundertzeugen" Ben Ferencz könnte von seichter Unterhaltung nicht weiter entfernt sein, wenn der Autor von den Besuchen befreiter Konzentrationslager berichtet oder den Quellenwert der Aussagen von NS-Massenmördern vor Gericht einordnet. Dass aber bei dieser Lektüre zumindest Idealismus und Hoffnung bleiben, ist auf die kaum in wenige Worte zu fassende Lebensleistung des Protagonisten zurückzuführen.

Ben Ferencz wurde durch seinen konsequenten Einsatz für die Belange von Kriegs- und NS-Opfern eine internationale Berühmtheit der Rechtsgeschichte. Vor allem in den USA ist sein Wirken noch bekannter als hier in Deutschland. Im Jubiläumsjahr der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse erfährt Ferencz nun hoffentlich auch hier im "Land der Täter" diese Anerkennung. Besondere Aufmerksamkeit verdient neben der Verfolgung von NS-Tätern sein Kampf für den Internationalen Kriegsgerichtshof. Damals wie heute lautete seine edle Mission: Frieden und Gerechtigkeit für Kriegsopfer auf der Welt zu schaffen.

Die Motivation dafür zieht Ben Ferencz aus seiner eigenen Biographie. Denn kein Zeitgenosse in jenem Jahrhundert habe so viel Schreckliches beobachtet wie er (S. 84). In diesem Sinne ist eine dramaturgische Zweiteilung seiner Biographie konsequent, wie der Autor Philipp Gut vornimmt: Die erste Hälfte ist auf den Prozess zugeschnitten, in dem durch Ferencz selbst erstmals juristisch die Kategorie des Genozids eingeführt wurde. Und in der zweiten Hälfte stellt sich die Frage, wie die Menschheit mit diesem "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) umgehen soll. Damit trifft das Buch den Kern der Erinnerungskultur, in der der Geschichtsort Villa ten Hompel und andere NS-Gedenkstätten verortet sind: Was hat der nationalsozialistische Völkermord mit uns zu tun?

Auf den ersten Seiten ist zu lesen, wie Ben Ferencz sein Talent trotz widrigster Umstände durchsetzt. Fast zwangsläufig erscheint dann rückblickend sein Weg zum jüngsten Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Doch es war eine "Achterbahnfahrt" (Ian Kershaw), die ihn in diese Rolle bringen sollte. Beginnend als einfacher Soldat sammelte er ab 1944 Beweise für deutsche Kriegsverbrechen. Wenig später erhielt er für seine Ermittlungen eine Generalvollmacht der US-Army. Diese führte ihn durch ganz Europa und öffnete ihm Einblicke, die wenige andere sammelten. In den Stollen des Salzbergwerks bei Altaussee stand er vor Meisterwerken europäischer Kunst; versuchte in Kreisen um Gurlitt (der uns heute mehr sagt als den Zeitgenossen damals) den größten Kunstraub der Geschichte aufzuklären. Doch die Prioritäten der Nürnberger Prozessrichter waren andere: Leute wie Göring würden wegen Wichtigerem angeklagt. Es war die schiere Menge an aufzuklärenden Verbrechen, die die Alliierten zu Entscheidungen zwang. So sollte es immerhin 70 weitere Jahre dauern, bis über die Rückerstattung von potenzieller NS-Raubkunst wieder diskutiert wurde.

Nach Kriegsende kehrte Ferencz nur kurz in die USA zurück, heiratete seine langjährige Liebe Gertrude, und nahm sie mit auf "Hochzeitsreise" nach Europa, wie Ben es verkaufte. Die Reise sollte zehn Jahre dauern und mit vier Kindern enden. Ab 1946 leitete er in Berlin eine Ermittlungsgruppe, die Beweismaterial für die Anklage der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse sammeln sollte. Ende 1946 fand einer der Rechercheure aus seinem Büro in Archiven des Auswärtigen Amts in Berlin die "Ereignismeldungen UdSSR" über die Tätigkeiten der Einsatzgruppen – ein unschätzbares Beweisdokument für die Anklage damals und für die Holocaust-Geschichtsforschung heute.

Nach drei Monaten Aktenstudium setzte Ferencz in Nürnberg einen Prozess durch, der eigentlich nicht geplant war und ohne seine Hartnäckigkeit nie realisiert worden wäre. Er selbst musste entscheiden, welche 24 der 3000 in Einsatzgruppen eingesetzten Männer er in dem 13. Nachfolgeprozess, dem so genannten Einsatzgruppen-Prozess, vor Gericht bringen wollte. Für mehr Personen war auf der Anklagebank kein Platz. Gerechtigkeit konnte sein Prozess nicht herstellen, das wusste Ben Ferencz von Beginn an. Aber er wollte der Welt etwas zeigen. Seine Motivation richtete sich auf die Zukunft: Solche Taten dürften sich nicht wiederholen. Für seine Anklage führte Ferencz einen neuen Begriff ins internationale Recht ein: Genozid. Heute ist die Bezeichnung für die Ermordung ganzer Gruppen von Menschen fester Teil von UNO-Konventionen und der internationalen Strafgerichtsbarkeit.

Die Anklage in Nürnberg und die wachsende Erkenntnis, dass mit Urteilen gegen Haupttäter die Ungerechtigkeit der Massenmorde im Holocaust nicht beglichen werden könne, stehen im Mittelpunkt dieser Erzählung. Als sei seine Biographie für ein Hollywood-Drehbuch geschrieben worden, fällt in diese Phase 1948 noch ein Flugzeugabsturz, den Ben und seine Frau überleben.

Und damit beginnt der zweite Teil der Erzählung: Unter Eindruck der zunehmenden Schlussstrichmentalität und Verweigerungshaltung deutscher Mehrheiten rückten für Ben Ferencz fortan die Opfer in den Mittelpunkt seiner juristischen und moralischen Arbeit. Das, was Konstantin Goschler, Marcus Böick und Julia Reus als "Zivilisierung durch Verrechtlichung" auf den Punkt bringen, liest sich wie die Überschrift für den zweiten Teil Ben Ferenczs Biographie. Wer ohnehin mehr von Ferencz lesen möchte oder über die Entwicklung der internationalen Strafgerichtsbarkeit, der sollte den umfassenden Vorlass im US Holocaust Memorial Museum Washington nutzen. Erste Einblicke ermöglicht eine auch online verfügbare, von den drei Historikern edierte Quellenauswahl.[1]

In dieser zweiten Hälfte, die sowohl im Buch als auch hier etwas knapper ausfällt, führte der Streit für Rückerstattung Ben Ferencz unter anderem auf den Generaldirektorenposten der United Restitution Organization und an den Verhandlungstisch zum Luxemburger Abkommen 1952. Auch für die Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern durch die deutsche Industrie kämpfte er im Rahmen der Claims Conference seit den späten 1950er Jahren. Schließlich forcierte er nach zwischenzeitlichem Engagement gegen den Vietnamkrieg in den 1990ern nach Ende des Kalten Kriegs die Gründungsverhandlungen des Internationalen Strafgerichtshofs. Reich wurde er mit dieser Arbeit nicht, aber er hat die Welt verbessert. "Make law, not war", lautet eine seiner Parolen.

Die Persönlichkeit Ben Ferencz und dieses Buch haben in den großen überregionalen Tageszeitungen die Würdigung erfahren, die sie verdienen. Und auch diese Zeilen hier sollen ausdrücklich als Leseempfehlung verstanden werden. Denn das Buch verschafft dem Charakter dieses außergewöhnlichen Menschen Öffentlichkeit, würdigt sein Werk und gibt zugleich ein Gefühl für dieses 20. Jahrhundert "der Extreme" (Eric Hobsbawm). Die knapp 350 Seiten sind gefüllt mit Verweisen auf die allgemeine Geschichte jenes Jahrhunderts, und doch braucht man nicht Geschichte studiert zu haben, um dieses Buch zu verstehen; um zu verstehen, was dieser Mann in seinen 100 Jahren bewegt hat. Stilistisch kommt die Biographie dabei nüchtern, an Fakten und Erinnerungen orientiert daher. Gerade dieser Stil bringt die Dramatik Ferenczs Lebens und die Dimension seiner Lebensleistung zum Vorschein.

Eng verwoben ist das Wirken des Protagonisten auch mit den Ausstellungsthemen des Geschichtsorts Villa ten Hompel. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die jüngere Täterforschung und damit auch die Münsteraner Gedenkstätte inhaltlich auf den frühen juristischen Prozessen gegen die Einsatzgruppen aufbauen. Dass deren Kommandeure vor Gericht gestellt wurden, ist Ben Ferencz zu verdanken. Dass unser Bild über die unvorstellbaren Taten, ihre Täter und deren Tatmotive etwa bei der Ermordung von über 33.000 Juden in Babij Jar durch die Einsatzgruppe C heute vollständiger ist als in der Nachkriegszeit, ist auf die unermüdliche historische Forschungsarbeit unter anderem der Villa ten Hompel zurückzuführen. Weil auch die NS-Täter aus den Nürnberger Prozessen gelernt haben, müssen wir uns bis heute mit unzureichenden Strafmaßen gegen sie beschäftigen. Entlastungsstrategien rund um (putativen) Befehlsnotstand und ideologische Fremdsteuerung hörte schon Ben Ferencz von der Anklagebank.

Schließlich hat die Erkenntnis, dass die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Völkermords an der strafrechtlichen Verfolgung einiger Haupttäter nicht enden kann, nicht nur Ben Ferencz motiviert, für globale Entschädigungsabkommen oder für Zwangsarbeitsentschädigungen zu kämpfen. Am historischen Ort einer Wiedergutmachungsbehörde fragt auch die Villa ten Hompel, wo bürokratische Bewältigung beginnen muss und wo sie an ihre Grenzen kommt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Mord weder durch Gesetze noch durch Entschädigungen allein wiedergutzumachen ist. Und damit schließt sich ein Kreis zwischen Ben Ferenczs Motivation und dem Auftrag des Geschichtsorts Villa ten Hompel mit der Frage, was diese Geschichte mit uns zu tun hat: Wir müssen die Grenzen unseres gesellschaftlichen und moralischen Gewissens reflektieren. Denn Bewusstsein zu schaffen für das historische Unrecht an Juden, an Sinti und Roma, an Behinderten oder an Homosexuellen muss auch zur Folge haben, ihnen einen gleichberechtigten Platz in unserer Gesellschaft zu erkämpfen.

 

[1] Constantin Goschler, Marcus Böick und Julia Reus (Hgg.), Kriegsverbrechen, Restitution, Prävention. Aus dem Vorlass von Benjamin B. Ferencz (= Dan Dinger (Hg.), Archiv jüdischer Geschichte und Kultur, Bd. 4), Göttingen 2019.


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