Stadt Münster: Villa ten Hompel - Nachbericht Mittwochsgespräch Götz Aly

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Nachbericht: Mittwochsgespräch mit Götz Aly in der jüdischen Gemeinde

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Götz Aly und Thomas Köhler bei Mittwochsgespräch (Foto: Lukas Esser)

Viele nachdenkliche Gesichter ließen sich am 17. Oktober beobachten, als die Gäste abends die jüdische Gemeinde verließen. Das Mittwochsgespräch mit Dr. Götz Aly hielt, was es versprach: Schonungslos war Götz Aly mit der Verantwortung der deutschen Mehrheitsgesellschaft an der Entwicklung des NS-Unrechtsstaates ins Gericht gegangen. Das Jahr 1938 hob er dabei als ein ganz besonderes Jahr hervor. Ein Jahr, in welchem „Hitler und die Deutschen Raub, Mord und Krieg [probten]“. Von diesem Zeitpunkt an, so Aly, war es „unmöglich, dass Nazi-Boot zu verlassen“, welches man ab 1933 gemeinsam bestieg.  Doch wie ist es zu erklären, dass sich eine ganze Nation in eine derartige Exklusionsgesellschaft wandelte, deren zerstörerisches Potential, sich ab 1938 öffentlich seinen Weg bahnte und in einem „totalen Krieg“ mündete?

Drei Ansätze stellte Götz Aly zur Beantwortung dieser Frage zur Diskussion:

  1. Der Nationalsozialismus war keine klassische Diktatur, sondern eine soziale Massenbewegung. Es handelte sich um eine partizipative Staatsform, die ein „Vorwärtskommen“ in der Gesellschaft für alle suggerierte. Hitler selbst war „ein Produkt der Demokratie“. Als politischer „Nobody im Kaiserreich, hätte Hitler keine Chance gehabt“, so Aly. Von der stark erhöhten sozialen Durchlässigkeit, die sich bereits ab dem ausgehenden Kaiserreich in Deutschland abzeichnete, profitierte nicht nur der „böhmische Gefreite“. Den durch die Weltwirtschaftskrise frustrierten Abiturienten und Hochschulabsolventen, versprach der Nationalsozialismus, einen schnellen Einstieg in die Berufswelt und Aufstieg auf der sozialen Leiter.
  2. Die „Jugenddiktatur“, wie Aly sie skizzierte, deutete einen Elitenwechsel an, der sich auch auf Kosten der entlassenen jüdischen Deutschen in Spitzenfunktionen, -ämtern und -berufen niederschlug. Als Indiz für die jugendliche und dynamische Ausstrahlung der Partei führte Aly das Alter der Führungsebene der NSDAP 1933 an: Speer 27 Jahre, Heydrich 28 Jahre, Himmler 32 Jahre, Goebbels 35 Jahre und Göring, als „alter Hase“, 40 Jahre alt.   
  3. Einen weiteren Ansatz Alys stellte der „Sog des Bösen“ dar. Indem die NSDAP Kriterien kreierte, die 95 % der Einwohner des Deutschen Reiches zu Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft zählte, trafen die inszenierten Vorteile der „Gefälligkeitsdiktatur“ auf fast alle Bewohner des Reiches zu. Zugleich wurden sie damit aber auch Teil der Exklusionsgesellschaft. Man bestaunte, so Aly, die „Frechheit“, mit der sich die politischen Eliten „an die äußersten Grenzen des Bösen“ heranwagten. Das Jahr 1938 setzte in diesem Kontext ein besonderes Ausrufezeichen. Der Anschluss Österreichs oder das Münchener Abkommen zeigten nicht nur Wirkung und Stärke der neuen Führung nach außen, sondern auch nach innen. Begangenes Unrecht bei der „Reichskristallnacht“ - wen sollte es jetzt noch stören, wer würde noch eingreifen?   

Es setzte, so Aly, eine „Selbstbeschleunigung begangenen Unrechts“ ein. Als charakteristisch dafür führte Aly ein Zitat von Goebbels an: „Jedenfalls werden die Ungarn aus dem Rhythmus der Judenfrage nicht mehr hinaus kommen. Wer A sagt, muss B sagen, und die Ungarn haben einmal angefangen mit der Judenpolitik, sie können sie deshalb nicht mehr abbremsen“. Ein Zitat, das den Geist jener Zeit widerspiegelte. Weiter müsse man sich klar machen, dass diese Logik auch griff, als der Krieg schon verloren galt. Denn das Reich zerfiel nicht von innen heraus. Es musste von außerhalb, durch die Alliierten zur Aufgabe gezwungen werden. Warum war das so?   

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft akzeptierte die Vorteile des massenhaften Raubes, sah die Deportationen und schon am 9. November 1938 besiegelte sie ihre „innere Fesselung“ an das NS-Regime. Die Teilnahme von Beamten, Einsatzgruppen und Wehrmachtsangehörigen an den Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung Osteruropas führte ebenfalls dazu, dass es „unmöglich [war], dass Nazi-Boot zu verlassen“. Die Angst davor, dass die Alliierten die Verbrechen rächen würden, trieb die Truppen an, bis zur Eroberung Berlins, weiterzukämpfen. Die „Integration in das Böse“ stellte einen der wichtigsten Erklärungsansätze für Götz Aly dar. An einem einfachen Beispiel brachte Aly seinen Zuhörern dies näher: „Wenn man sie [die Juden] enteignet, dann müssen sie auch weg, oder? Egal, ob man sich dann mit gutem oder schlechten Gewissen am Eigentum der Enteigneten bedient, man hofft doch, dass die Enteigneten auch so wegkommen, dass sie nicht wiederkehren. Wenn sie dann weg sind, redet man im Anschluss am Besten nicht darüber und noch lieber wird erst gar nicht mehr danach gefragt.“

Auf eine besondere Qualität Götz Alys sei noch besonders hingewiesen: Die Fähigkeit, komplexe historische Zusammenhänge so zu pointieren, dass sie alle Zuhörenden erreichen und unweigerlich in eine innere oder äußere Auseinandersetzung verwickeln. Die unbehagliche Färbung seiner Fragen an das Publikum entsteht, indem unterschwellig die Botschaft transportiert wird: „Das kennen wir doch alle nur zu gut von uns selber, oder nicht?“ Die Denkanstöße, die Aly dem Publikum auf diese Weise gibt, sind unbequem. Die spontanen Reaktionen des Publikums reichen von kurzem entlastendem Auflachen bis hin zu unangenehm berührtem Schweigen. Diese unfreiwilligen Meinungsbekundungen der Zuhörer/innen können als das Ergebnis einer spontanen, individuellen Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen gewertet werden. So etwa, als Aly ausführte, dass Rentner erstmalig ab dem Jahr 1938 vom Staat krankenversichert wurden, und in die Runde fragte: „War's schlecht beim Führer?“ Die Antwort des Publikums: verhaltenes Gelächter.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. Götz Aly für neue wissenschaftliche Impulse zu elementaren Fragen der Zustimmung und Partizipation der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus. Mit seinen zugespitzten Thesen ist es ihm gelungen, die Zuhörenden zum Dialog und zur Meinungsbildung anzuregen. 


 

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