Stadt Münster: Villa ten Hompel - Querl in Braunau

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Wie umgehen mit Hitlers Geburtsort?

"Bloß keine erste Adresse für Führerkult und Verklärung!"

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Stefan Querl am Standort eines Außenlagers von Dachau - Foto: Guido Hassel

Die Stadt Braunau ringt rechtlich wie moralisch heftig um das Haus, in dem Adolf Hitler zur Welt kam. Fachwissen aus der Villa ten Hompel in Münster zur Frage, wie schwieriges Erbe den jüngeren Generationen vermittelt werden kann, floss jetzt ein in den Erfahrungsaustausch engagierter NS-Gedenkstätten in Österreich und Bayern vor Ort am Inn. Ein früheres Dachauer KZ-Außenlager nahe Mühldorf war Station des Erinnerns bei einer winterlichen Spurensuche im Wald.

Das alte Haus in der Salzburger Vorstadt von Braunau steht leer und steckt doch bis unters Dach voller Zündstoff für öffentliche Debatten: Wie umgehen mit der historischen Hypothek, dass Adolf Hitler 1889 dort geboren wurde? Was tun nach der vollzogenen Enteignung und den Folgen, die jetzt Richter, Rechtsanwälte und Gutachter auch international beschäftigen? So klagt die vormalige Privateigentümerin, die per Gesetz enteignet wurde, auf mehreren Ebenen, und die österreichische Gemeinde am Grenzfluss Inn ringt moralisch wie rechtlich heftig um die Frage, wie mit der Last, aber auch mit der hohen touristischen Anziehungskraft des Gebäudes künftig umzugehen ist. "Bloß keine erste Adresse für Führerkult und Verklärung anbieten!", da sind sich alle in der demokratischen Mitte zwar einig, doch von Abriss bis Umbau und kritischer Nachnutzung reichen die weiteren Forderungen, seit eine Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen auszog aus diesem Haus. Einst war es Brauerei und Gastwirtschaft, aber eben auch Nazi-Pilgerstätte und Volksbücherei. Ein Mahnstein auf der Straße erinnert an Opfer der Gewaltherrschaft – und Kioske führen Postkarten mit einer vermeintlichen "Ansicht", die jetzt weltweit neu Schlagzeilen macht.

Das "Gautinger Fachgespräch", ein zum elften Male ausgerichtetes Symposium von Experten für die Geschichtsvermittlung in der Jugend- und Gedenkstättenarbeit, nahm sich jetzt zu Jahresbeginn der Herausforderung an, die zorn-, abwehr- und auch angstbesetzte Debatte zur Zukunft von "Hitlers Geburtshaus" intensiver und möglichst sachlich zu analysieren.
Gast im Forum war als einziger Vertreter aus Nordrhein-Westfalen Stefan Querl vom Team in der Villa ten Hompel in Münster. Denn auch im städtischen "Geschichtsort" am Kaiser-Wilhelm-Ring kennen alle Haupt- und Ehrenamtlichen in Vortragsveranstaltungen, Führungen und Seminaren den Spagat, das Erbe des NS-Regimes jungen Generationen auf Höhe der Forschung korrekt erklären zu wollen, aber gegen die teils noch verbreitete Faszination für Führer, Volk, Vaterland und "eine starke Hand" heute oft nur sehr mühsam durchdringen zu können. "Unterschwelliger Antisemitismus und andere aktuelle Formen von Rechtsextremismus sind leider oft quasi inklusive im Dialog der Gruppen untereinander", beobachtet der Mitarbeiter der Villa ten Hompel Projekte und hörte ähnliche Erfahrungsberichte auch aus NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren wie Dachau, Nürnberg, Flossenbürg, Regensburg, München und aus der pädagogischen Praxis der Kriegsgräberfürsorge in Bayern. Und freilich verschiedene Voten der Österreicher, die sich um den Ruf von Braunau sorgen und auf eine baldige Klärung hoffen. Eine Situation wie zum 20. April 1989, als ein Großaufgebot der Polizei zum 100. Geburtstag Hitlers die Immobilie bewachte, solle sich nicht wiederholen. Ein Abriss helfe aber wohl nicht.

Trotz des massiven Wintereinbruchs ließen es sich die drei Dutzend Fachleute nach dieser Diskussion über das Haus und die Frage nach Emotionen in der Bildungsarbeit nicht nehmen, auch tief im Wald gelegene Erinnerungsstätten bei einer Exkursion aufzusuchen. So beispielsweise auf Gebiet des Freistaats Bayern die Leidens- und Zwangsarbeitsorte von Häftlingen in berüchtigten Außenlagern des damaligen KZ Dachau. Im Zuge gigantischer Rüstungsproduktionen waren diese Kommandos geplant worden. In der "Mühldorfer Hart" befand sich eines der Massengräber von KZ-Opfern, die bei Schwerstarbeit ausgelaugt, erfroren, erkrankt oder verhungert waren. Neue Wegzeichen, Informationstafeln in mehreren Sprachen und Stelen würdigen posthum die im Forst verscharrten und später umgebetteten jüdischen Toten.

An alle Verfolgtengruppen erinnert vom 6. bis 10. Februar eine internationale Lehrkräftefortbildung am Gedenkort Auschwitz, die Stefan Querl mit Vertretern des katholischen Maximilian-Kolbe-Werkes als fest etablierte Villa-ten-Hompel-Kooperation leitet.

Mehr zu Gedenkinitiativen, zur Braunau-Kontroverse, den Kooperationen und zur Konferenz mit dem "Gautinger Fachgespräch":



 

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