Stadt Münster: Villa ten Hompel - Tagungsbericht IBB und bpb

Seiteninhalt

Bericht

Tagung zu internationalen Gedenkstätten-Exkursionen in der Villa ten Hompel

Gruppenfoto auf der Treppe vor der Villa ten Hompel

Tagung der BPB und des IBB mit reger Diskussion

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk e. V. (IBB) luden zu einer Evaluation von Exkursionen für Gedenkstätten-MultiplikatorInnen in den Geschichtsort Villa ten Hompel ein.

Als Anbieter von Gedenkstättenfahrten präsentierten sich neben dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk e. V und GmbH auch die Humanistische Union aus Essen (HU). Expertise aus Forschung und Wissenschaft garantierte die Anwesenheit von Prof. Dr. Frank Bajohr und Dr. Andrea Löw vom Institut für Zeitgeschichte aus München. Außerdem zu Gast: Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Gründungsdirektor des Geschichtsortes Villa ten Hompel und Vorsitzender des Arbeitskreises der Gedenkstätten und-Erinnerungsorte in NRW und Professor für Geschichtsdidaktik in Leipzig. Aus der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg konnte ihr Leiter, Dr. Oliver von Wrochem, begrüßt werden. Mit Dr. Christoph Spieker, dem Leiter des Geschichtsortes, den Mitarbeitern Stefan Querl und Thomas Köhler sowie Praktikantin Franziska Thole und FSJler Lukas Esser war auch die „Villa“ gut aufgestellt, um inhaltlich Aspekte einzubringen und organisatorisch einen reibungslosen Ablauf der Tagung zu garantieren.

Prof. Dr. Frank Bajohr sprach sich als erster für die geographische Zielrichtung von Gedenkstätten-Exkursionen in Richtung Osteuropa aus, da dieser Schwerpunkt mit der aktuellen Holocaust- und Neueren Täterforschung übereinstimme. Konkret hieße dies jedoch, verstärkt Exkursionen jenseits von ehemaligen Konzentrationslagern durchzuführen. Es habe sich in der öffentlichen Wahrnehmung eine frappierende Synonymverwendung von Holocaust und Konzentrationslager eingestellt, welche z. B. die Massenerschießungen der „Aktion Reinhardt“ völlig außen vor lasse.
Thomas Köhler schlug in eine ähnliche Kerbe und verwies auf die zahlreichen „kontaminierten Landschaften“, so eine Publikation des Historikers Martin Pollack. Diese gäben ein mindestens ebenso authentisches Bild von der Vernichtungspraxis, da in Wäldern, auf weiten Feldern oder in Schluchten Polizisten, Wehrmachtssoldaten oder Angehörige der Waffen-SS eine Vielzahl der Opfer des Nationalsozialismus umgebracht worden sind. Dies ließe sich nicht nur in „durchgestylten“ Gedenkstätten von Konzentrationslagern vermitteln.

Ergänzend verwies Dr. Andrea Löw auf den Umstand, dass es noch viele nicht markierte Massengräber in Osteuropa gäbe, die es zu erforschen gelte. An dieser Stelle warnte Prof. Dr. Kenkmann davor, allzu übermotiviert als Hobby-Schatzsucher durch Osteuropa zu streifen und ausgerüstet mit Metalldetektoren jeder Patronenhülse historische Bedeutung beizumessen.

Während die Debatte um Exkursionen zu sogenannten „killing fields“ lebhaft mit Für und Wider geführt wurde, waren sich die Anwesenden mit Blick auf die Relevanz eines pädagogisch betreuten Rahmenprogramms vor und nach einer Fahrt einig.

Um dem Phänomen des „dark tourism“ entgegenzuwirken, also Gedenkstätten als „Sehenswürdigkeiten“ zu betrachten, kommt vor allem der Vorbereitung auf eine Exkursion eine entscheidende Rolle zu. Letztlich nicht zu einem Abschluss kamen Überlegungen, wie Gedenkstätten-Exkursionen nachzubereiten und zu evaluieren seien, obwohl beides als wichtig eingestuft wurde.

Den Kern der Tagung bildete die Präsentation der Gedenkstättenfahrten für MultiplikatorInnen in diesem Jahr. Das IBB Dortmund stellte eine Fachtagung „Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz – Birkenau“ vor, die von Emilia Simon, Jocelyne Jakob und Bartholomäus Fujak geleitet wird. Dr. Anke Hoffstadt vom Bildungswerk der Humanistischen Union und Joachim Schröder vom Erinnerungsort „Alter Schlachthof“ Düsseldorf zogen für ihre Gedenkstätten-Exkursion eine Verbindung der Deportationen aus der Sammelstelle „Alter Schlachthof“ in Düsseldorf zu  den Ermordungen in Theresienstadt: „Verfolgung – Täuschung – Vernichtung. Das Ghetto und Konzentrationslager 'Theresienstadt' und die NS-Verbrechen im Protektorat Böhmen und Mähren“, so der Titel dieser Fahrt.

Ein Ort mit spannender erinnerungskultureller Transformationsgeschichte ist die Hauptstadt Lettlands: „Riga – Tatort und Gedenkort der Shoa; Deutsche, lettische und europäische Dimensionen des Vernichtungsgeschehens und der Erinnerungskultur“. Matthias Ester vom Geschichtskontor Münster und Olga Rensch vom IBB GmbH Dortmund verantworten diese Exkursion. „Auf den Spuren jüdischen Lebens in den Niederlanden“ betitelte eine noch im Entwurf befindliche Exkursion von Dr. Eva Lettermann, Fachleiterin Geschichte in Detmold, und Stefan Gerber, freier Mitarbeiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel. Mit dem Fahrrad durch die Niederlande und fußläufig in Amsterdam sollen sich die Teilnehmenden hier die oftmals schwierig klar voneinander abzugrenzenden Formen von Kollaboration, Widerstand und Partizipation erarbeiten. Zuletzt stellte Dr. Paul Ciupke von der Humanistischen Union die Fortbildung zu „Orten und Zeugnissen nationalsozialistischer Verbrechen im Raum Lublin“ vor. Hierbei rückten vor allem die Konzentrations- und Vernichtungslager in Majdanek, Belzec und Sobibor in den Vordergrund. Als innovativ und erwähnenswert in der bereits etablierten Exkursion  wurde das „Transitghetto Izbica“ hervorgehoben, welches durch die Publikation von Steffen Hänschen als besonders wertvoll und gut geeignet für eine Vorbereitung mit anschließendem Besuch vor Ort sei.

 

Simon Lengemann von der Bundeszentrale für politische Bildung, Peter Junge-Wentrup vom IBB und Prof. Dr. Frank Bajohr vom IfZ beschlossen die intensive Tagung mit dem Fazit, dass ein regelmäßiger und konstruktiver Austausch über Ziele und Inhalte von Gedenkstätten-Exkursionen zwischen Bund, Forschung, Didaktik und Pädagogik wünschenswert wäre.

Text: Lukas Esser


 

Zusatzinfos

Kontakt

Geschichtsort Villa ten Hompel
Kaiser-Wilhelm-Ring 28
48145 Münster

Tel. 02 51/4 92-71 01
Fax 02 51/4 92-79 18



Öffnungszeiten

Mittwoch, Donnerstag: 18-21 Uhr
Freitag bis Sonntag: 14-17 Uhr

Bürozeiten

Di, Mi, Fr: 9-12 Uhr
Do: 9-16 Uhr
Außerhalb dieser Zeiten ist ein Anrufbeantworter geschaltet. Führungen und Projekttage nach Vereinbarung.

So sind wir zu erreichen:

Per Bus mit der Ringlinie 33 und 34 (Haltestelle: Villa ten Hompel)