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Ausschnitt eines alten Stadtplans von Münster aus dem Jahre 1862
 
Straßenschild Ringoldgasse
 
 
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Am Wigbold

Stadtbezirk:Münster-Südost
Statistischer Bezirk: Wolbeck
Entstehung: 1994
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Benannt nach dem Wigbold Wolbeck.

Der Wigbold Wolbeck war neben dem Kirchspiel Wolbeck eine eigenständige Gemeinde. Der Ort Wolbeck wurde urkundlich erstmals 1310 erwähnt, hatte aber schon Jahrzehnte zuvor die einzelnen Wigboldsrechte, so u.a. Marktrecht, Befestigungsrecht, eigene Gerichtsbarkeit und Selbstverwaltungsrecht bekommen. Der Titel Wigbold wurde 1957 mit der Zusammenlegung mit der Gemeinde Kirchspiel Wolbeck aufgegeben.
Quelle: Kreisheimatpfleger, Schreiben vom 17.1.1971, Seite 3 ff
 

Von Wik-Orten, Wigbolden und dem Weichbild
    "Alle Frauen, die - mit tausend Reizen ausgestattet -
    durch das Weichbild unserer Stadt lustwandern,
    die habe ich nicht lieb,
    denn die sind nicht mein Typ!"

So sangen einst Heinz Erhardt und später Götz Alsmann im Schlager Miss Mable. Das Weichbild einer Stadt, durch das man flanieren kann oder das zur Bewunderung anregt - diese Formulierung klingt altmodisch, ist aber vielen noch vertraut. Mit Weichbild meint man in diesem Zusammenhang so viel wie das Stadtbild, die äußere Erscheinung einer Stadt.

Was ein Wigbold ist
In Westfalen kennt man das Wort in seiner niederdeutschen Form Wigbold. Einige münsterländische Gemeinden wie Olfen, Ochtrup und Ottenstein bezeichneten sich noch vor 100 Jahren offiziell als Wigbold. Nienborg, Schöppingen und Südlohn legten die Bezeichnung sogar erst mit der Großgemeindebildung 1969 ab.
Ähnlich wie heute noch Flecken in Niedersachsen und Markt in Bayern, stand Wigbold in Westfalen für einen Ort, der eine rechtliche Zwischenstellung zwischen Dorf und Stadt einnahm. Ein Wigbold war mehr als nur ein Dorf, aber auch keine richtige Stadt. Doch während man sich noch zusammenreimen kann, wie die Bezeichnungen Flecken und Markt zustande kamen, so fällt eine Erklärung für das Wort Weichbild oder Wigbold schwer.
Der Namensbestandteil -bild hat in diesem Zusammenhang nichts mit dem Bild zu tun, das man sehen, zeichnen oder fotografieren kann, auch nicht im übertragenen Sinne. Das Wort Bild in Weichbild ist vielmehr ein sprachliches Fossil. Im Mittelalter bedeutete es so viel wie Recht. Der Gleichklang mit unserem Wort Bild wird aber der Grund dafür sein, dass Weichbild später zum Synonym für das Bild, die äußere Erscheinung einer Stadt werden konnte.
Weichbild oder Wigbold war in der mittelalterlichen Bedeutung das Recht der Wik. Das führt natürlich zu der Frage "Was ist eine Wik?"

Ein uralter Handelsplatz?
Lange Zeit meinten Historiker die Antwort zu kennen: ein früh- und hochmittelalterlicher Handelsplatz. Paradebeispiele waren alte Handelsorte wie Schleswig, Bardowick bei Lüneburg und Braunschweig, früher Brunswik. Wik schien verwandt zu sein mit dem lateinischen Wort für "vicus", das im Frühmittelalter genau für solche Marktorte verwendet wurde. Hierhin kamen die Fernhändler mit ihren Tuchen und Pelzen, Waffen und Schmuck, schönen und nützlichen Dingen.
Doch Münsteraner Forscher meldeten dagegen Bedenken an, denn aus eigener Anschauung kannten sie die zahlreichen Höfe, Bauerschaften und Orte in Westfalen, aber auch am Niederrhein und in den Niederlanden, deren Namen auf "-wig", "-wik", "wick", "wijk" und ähnlich enden. Zum Beispiel Bestwig, Dellwig, (Oer-)Erkenschwick, Günnewig, Sundwig und viele andere. Mehr als 500 solcher Namen hat man gezählt. Nur der Herforder Stadtteil Radewig und das niederländische Wijk bei Dordrecht lassen sich tatsächlich mit mittelalterlichem Fernhandel in Verbindung bringen. Handelsplatz kann also nicht die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Wik gewesen sein. Doch was war es dann?

Der Zaun macht die "Town"
Der spätere Archivar am Landesarchiv Münster, Leopold Schütte, hat seine 1976 veröffentlichte Doktorarbeit dieser Forschungsfrage gewidmet und kam zu einem ganz anderen Ergebnis. Demnach hat sich das niederdeutsche Namenwort "Wik" aus dem Adjektiv wik - weich entwickelt. Pate standen die "weichen" also biegsamen Gerten, mit denen man Zäune schuf - Flechtzäune, aber auch lebende Zäune bzw. Hecken. Von dem Zaun, der die Siedlung schützte, übertrug sich die Bezeichnung auf die Siedlung selbst. Im Englischen hat sich das bis heute gehalten: Das englische Wort town für Stadt ist eng mit dem deutschen Wort Zaun verwandt. Bei seiner Untersuchung fand Leopold Schütte aber noch etwas heraus, was mit der Agrargeschichte Westfalens zu tun hat: Orte, deren Namen auf "-wig" enden, waren im Früh- und Hochmittelalter noch Einzelhöfe mit geschlossenem Grundbesitz.
Bei solchen Höfen handelte es sich sehr häufig nicht um bäuerliche Anwesen, sondern um die Gutshöfe eines weltlichen oder geistlichen Grundherrn. Solche Gutshöfe und ihre Bewohner waren aus der allgemeinen Gerichtsbarkeit herausgenommen. Die Richtergewalt endete also am Zaun dieser Wik. So wurde Wik zum Synonym für Sonderrechtsbezirke.
Im 12. Jahrhundert begannen die Grundherren, auf ihren Gutshöfen Land an Siedler zu vergeben, vorzugsweise an Handwerker und Händler. Anders als die leibeigenen Bauern waren diese Siedler freie Leute - sie erhielten ihr Land zu einem besonderen Recht, dem Recht der Wik. In den lateinischen Urkunden heißt es: "ius quod dicitur wikbelde", das Recht, das man Weichbild nennt. Das Weichbild eines Ortes bezeichnet also dessen Rechtsbezirk.
Bald darauf hießen die Siedlungen selbst so: "wikbelde", "Wigbold", "Weichbild". Manche Weichbilde entwickelten sich rasch zur vollwertigen Stadt, beispielsweise Beckum oder Telgte. Andere Weichbildorte wie Löningen bewahrten ihr besonderes Recht und die Bezeichnung Wigbold bis in die Neuzeit hinein.
Quelle: Gisbert Strotdrees in Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe, Münster, Ausgabe 10/2014


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