Stadt Münster: Vermessungs- und Katasteramt - Straßenname: Kardinal-von-Galen

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Straßennamen in Münster

Bedeutungen und Hintergründe


Über Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878 - 1946), Bischof von Münster von 1933-1946.

Mutiger Bischof in dunkler Zeit

Am 22. März 1946 starb Clemens August Kardinal von Galen nur wenige Tage nach seiner Erhebung zum Kardinal und der Rückkehr aus Rom.

Februar 2005, ein Geistlicher Abend zur Fastenzeit: Im Dom zu Münster tritt ein Mann im dunklen Wintermantel ans Stehpult. Seine Sätze durchschneiden den Raum: Es sind glasklare Analysen einer bedrohlichen Lage, Apelle, Forderungen. Mal leise, mal emphatisch-zornig, mal flehentlich. Diese Sätze lassen niemanden unter den Zuhörern in den Bänken kalt. Wie schon in 1930er und 1940er Jahren, als der münsterische Bischof Clemens August Graf von Galen diese Sätze formulierte - gegen das Neuheidentum der Nationalsozialisten und deren Vergötzung der Rasse, für Standfestigkeit im christlichen Glauben. Hans Korte, der grandiose deutsche Schauspieler, haucht diesen Sätzen Leben und Dramatik ein.

Einer der führenden Galen-Forscher, Prof. Dr. Joachim Kuropka aus Vechta, hat die Texte für diese Lesung ausgesucht. Die Ehefrau des Schauspielers trägt die scharfen Einlassungen der "NS-Reaktion" vor. Schon diese Texte zeigen, dass die berühmten Predigten Galens gegen Klostersturm und Euthanasie aus dem Jahre 1941 keine vereinzelten Rufe in der Wüste sind. Clemens August Graf von Galen, Spross eines alten Adelsgeschlechts aus dem Oldenburger Münsterland, seit 1933 Bischof von Münster, seziert bereits mit seinem Hirtenbrief zu Ostern 1934 die nationalsozialistische Weltanschauung und prangert sie als Neuheidentum an. Die Anschwärzer und Provinzfürsten des NS-Staats merken wütend an, welch wortmächtiger Gegner ihnen hier im Münsterland entgegensteht.

Dieser Geistliche Abend im Paulus-Dom ist eine von vielen Gelegenheiten des Jahres 2005, bei denen sich Laien, Historiker und Theologen mit Clemens August Graf von Galen beschäftigen. Mit einem Mann, der auch heute, 70 Jahre nach seiner triumphalen Erhebung zum Kardinal und seinem plötzlichen Tode auf viele Menschen immer noch so mächtig wirkt wie sein dunkles, bronzenes Denkmal auf dem Domplatz. Mit einem Mann, der zugleich im Lichte vieler neuer Dokumente aus dem Vatikanarchiv und weiterer Quellen als mutiger Kämpfer für die Fundamente des christlichen Glaubens, die Kirche und für die Würde aller Menschen bezeichnet werden darf.

Wegen dieser christlichen Bekenner-Tugenden wird Galen, der sonst in vielen Dingen "normale", "durchschnittliche" und von den Beschränkungen und Denkweisen seiner Zeit und seines Standes geprägte Mensch, im Jahre 2005 selig gesprochen. Papst Johannes Paul II., von Alter und Krankheit schwer gezeichnet, schließt den Seligsprechungsprozess für Galen offiziell ab. Für Karol Wojtyla ist die Seligsprechung ein Herzensanliegen. Dies wird am 1. Mai 1987 deutlich, als Johannes Paul II. in Münster das Grab des "Löwen von Münster" im Dom besucht und Galen als Kämpfer für das Leben würdigt. Für den Papst ist die christliche Botschaft in erster Linie ein "Evangelium vitae", eine Botschaft des Lebens. Die Gläubigen ruft er in einer Zeit, in der das Leben durch Abtreibung, Embryonenforschung und Euthanasie, aber auch und vor allem durch Krieg, Not und Elend bedroht ist, unermüdlich auf, für den Schutz des Lebens einzutreten.

Die Seligsprechung Galens wird Johannes Paul II. jedoch nicht mehr erleben. Er stirbt nach über 26-jährigem Pontifikat am 2. April 2005. Das Bistum Münster muss in jenem Jahr lange darauf warten, bis der Termin für die Seligsprechung am 9. Oktober 2005 bestätigt wird. Erst am 13. Juli, nach dem Bistumstag anlässlich der Jubiläumsfeiern zum 1200-jährigen Bestehen der Diözese, verkündet Monsignore Martin Hülskamp, Offizial und Vizepostular des Seligsprechungsprozesses, dass es beim "Wunschtermin" am 9. Oktober bleibt. Die Seligsprechung krönt also das Bistumsjubiläum und die Pilgerfahrt mehrerer Tausend Gläubiger aus dem Bistum Münster nach Rom.

Die Monate vor dem großen Ereignis regen vor allem Journalisten, Historiker und Theologen an, sich noch einmal intensiv mit der über viele Jahrzehnte doch auch als widersprüchlich gedeuteten Person des Kardinals von Galen zu beschäftigen. Dabei zeigt sich, dass weder zeithistorisch unkundige Kritik noch hagiographische Verklärung zu einem konturierten Porträt des Bischofs von Münster beitragen. Während die einen unter Zuhilfenahme zusammenhangloser Zitate Galen als autoritären oder gar militärisch gesinnten Nichtdemokraten, Rechtskatholiken oder verfechter längst vergangener Frömigkeitsstile abwerten, versuchen andere in ebenso vordergründiger Apologetik, Galen als über jede Kritik erhabene Lichtgestalt darzustellen. Beides hält einer historisch-diskursiven und differenzierten Betrachtung nicht stand. Ebenso wenig zielführend wirkt zuweilen der hochakademische Kampf der Eitelkeiten um die Lufthoheit in den Interpretationsspielräumen der historischen Quellen, aus dem sich die Leitung des Bistums Münster klugerweise heraushält.

Letztlich zeigt sich in den Vorträgen, Zeitschriftenartikeln und Diskussionsbeiträgen besonders bei den Professoren Joachim Kuropka (Vechta) und Hubert Wolf (Münster) doch ein in den Grundzügen einheitliches und schlüssiges Bild. Über Interpretationsnuancen freilich wird man weiter streiten.

Im Jahr 2005 jedenfalls ist die Forschung viel weiter als noch in den 1980er Jahren, was insbesondere den Quelleneditionen des münsterischen Bistumsarchivars Peter Löffler und den seit einiger Zeit zugänglichen Akten im Vatikanarchiv zu verdanken ist. Aus alledem ergeben sich folgende Erkenntnisse: Die Predigten des Sommers 1941 gegen Klostersturm und Euthanasie sind zweifellos der herausragende und weltweit Aufmerksamkeit erregende Schritt Galens in seiner religiös-weltanschaulichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die phasenweise deutlich politische Wirkung zeigt. "Zivilcourage auch bei Gefahr für Leib und Leben ist eine zentrale, leider sehr seltene christliche Tugend", schreibt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Sein historischer Kontrahent Joachim Kuropka fragt in einem kürzlich bei Aschendorff erschienen Band "Galen - Wege und Irrwege der Forschung" allerdings zu Recht, ob "die Haltung eines Christen, der zum Martyrium bereit war, mit ‚Zivilcourage' adäquat beschrieben ist".

Was für außenstehende Beobachter bis heute vielleicht wie eine spektakuläre "Wende" aussieht, hat seine Wurzeln in Galens Biografie und religiös-theologischem Werdegang. Aus zahlreichen Quellen geht hervor, dass Galen es als eine entscheidende Gewissensfrage ansieht, Unrecht gegen unschuldige Menschen abzuwehren und dass er schon früh die totalitäre Weltanschauung des Nationalsozialismus als Anschlag auf die Werte des Christentums entlarvt. Die Akten des Vatikan bringen ans Licht, dass Clemens August Graf von Galen im Jahre 1933 bei der Bischofswahl in Münster zwar nicht der Favorit ist und erst nach der Absage des Berliner Domkapitulars Heinrich Heufers und des münsterischen Domprobstes und herausragenden Predigers Adolf Donders zum Bischof von Münster gewählt wird. Gleichwohl gilt er aber auch zuvor schon als episkopabel, wenn auch nicht als herausragender Theologe, Prediger oder politischer Denker.

Die Reaktionen auf Seiten des NS-Staates über seine Wahl zeigen, dass die braunen Machthaber Galen als kompromisslosen Verteidiger der Interessen der Kirche fürchten. Neue Vatikanakten belegen zudem, dass Papst Pius XI. dem Bischof von Münster 1936 höchste Anerkennung für seinen mutigen Einsatz im Dienste der kirchlichen Freiheitsrechte ausspricht. Die Akten stützen außerdem die berechtigte Annahme, dass die Enzyklika "Mit brennender Sorge" (1937), die entschiedenste Auseinandersetzungsschrift des Vatikans mit dem Nationalsozialismus, letztlich auch auf eine Initiative Galens zurückgeht. Angesichts dieser Befunde wirkt der im Seligsprechungsjahr geführte Disput darüber, ob Galen 1933 ein Bischof erster oder dritter Wahl gewesen sei, akademisch. Offensichtlich hat man letztlich den richtigen Mann zur rechten Zeit gewählt.

Dieser Mann ist in seinem Handeln und Denken nur in seinem eigenen Zeitkontext und der ihm eigenen Mentalität zu verstehen. Schon aus der Tradition seiner Familie heraus gilt Galen als Zentrumsmann. Bischof Johannes Poggenburg holt ihn als Pfarrer von Berlin nach Münster, um mit ihm einen Brückenkopf gegen den ins deutschnationale Lager abdriftenden westfälischen Adel zu errichten. Gleichwohl ist Galen kein Vorzeige-Demokrat, zumal er mit "Weimar" keine reibungslos funktionierende Demokratie kennenlernt. Misstrauisch sieht er jede Form des Totalitarismus und des Liberalismus. Auch der Parlamentarismus mit seinen wechselnden Mehrheiten ist seine Sache nicht. Eine parlamentarische Monarchie, gestützt auf christliche Fundamente, vielleicht auch ein katholischer Ständestaat, wären vermutlich nach seinem Geschmack gewesen. Die Loyalität gegenüber dem Staat entspricht seinem konservativ-christlichen Weltbild. Nur das Gewissen bildet die höhere und letzte Instanz.

Im Übrigen teilt Clemens August von Galen die Furcht vor dem antichristlichen Bolschwismus mit vielen seiner Zeitgenossen, die den NS-Staat und Hitler anfangs als Bollwerk gegen den Kommunismus und zunächst noch als das kleinere Übel ansehen. Seine Haltung dem Krieg gegenüber entspricht dem damaligen Denken, wonach die bewaffnete Auseinandersetzung auch kirchlich als "ultima ratio" gerechtfertigt scheint und es noch idealisierte Vorstellungen eines ritterlichen Soldatentums gibt, das sich freilich nicht mit der Wirklichkeit in Hitlers furchtbaren Vernichtungskrieg und den apokalyptischen Waffensystemen in Einklang bringen lässt. Erst nach dem Ende des Krieges fragt sich Galen, ob der Krieg angesichts seiner furchtbaren Dimensionen überhaupt noch das moralisch vertretbare Mittel zur Entscheidung von Streitfragen unter Völkern sein könne.

Rätselhaft bleibt Galens Schweigen zum Holocaust. Schriftliche Quellen lagen bis 2005 nicht vor, in mündlichen Aussagen blieb es bei vagen Berichten über beabsichtigte und dann doch unterlassene öffentliche Unterstützung für die Juden, da Bischof von Galen angeblich größeres Unheil verhindern wollte. Immerhin teilt Joachim Kuropka 2015 mit, dass er einen Bericht des SS-Sicherheitsdienstes gefunden habe, aus dem hervorgehe, dass in Kevelaer, Emmerich und Xanten "Bittgottesdienste für die Juden abgehalten worden seien". Auch verweist Kuropka auf den als Kurier des Bischofs fungierenden Dr. Ludwig Warnecke. Dieser berichtete, dass Galen "in vielen Fällen bedrängten Juden durch finanzielle Mittel geholfen (habe) zu exilieren bzw. unterzutauchen". Die jüdische Gemeinde in Münster, so wird überliefert, soll Galen 1938 vor offenem Protest abgeraten haben, weil sie noch schärfere Repressalien befürchtete. Für eine "Flucht in die Öffentlichkeit" wie bei Klostersturm und Euthanasie hatte Galen laut Kuropka ohnehin den letzten Zeitpunkt "offenbar verpasst" und er verweist auf eine Äußerung Galens gegenüber Generalvikar Meis und dem Regens des Priesterseminars Francken im Oktober 1944. Ihnen sagte Galen dass er "schwer daran trage, nach dem Brand der münsterischen Synagoge am 9. November 1938 gegen dieses sakrilegische Verbrechen nicht sofort und öffentlich protestiert" zu haben.

Dem neuen Seligen flogen die Herzen der Gläubigen im Jahre 2005 sicher nicht so unmittelbar zu wie der 2001 seliggesprochenen Clemensschwester Euthymia, deren Grab auf dem Zentralfriedhof stets mit Blumen und Kerzen übersät ist. Galen war eben ein Bischof, eine Autoritätsperson, der man mit Distanz gegenübertritt. Nur wer Galen als Kind seiner Zeit und auf dem Hintergrund damaliger politischer und kirchlicher Vorstellungen sieht, wird auch seine eigentliche Bedeutung ermessen können.

Vorwürfe, die Kirche wolle 2005 durch die Seligsprechung Galens übertünchen, dass sie gegenüber den Herausforderungen der damaligen Zeit auf ganzer Linie versagt habe, wurden im Vorfeld der Seligsprechung kirchlicherseits zurückgewiesen. Es gehe nicht um eine kollektive Reinwaschung, sondern um das glaubwürdige Zeugnis eines einzelnen Glaubenszeugen.

Autor: Johannes Loy
Quelle: Auf Roter Erde vom März 2016.

 

Lebensstationen:

  • 16. März 1878:   Geburt auf Burg Dinklage
  • 28. Mai 1904:   Priesterweihe in Münster
  • 1904 - 1906:   Kaplan von Weihbischof Maximilian Gereon Graf von Galen
  • 1906 - 1911:   Kaplan an St. Matthias in Berlin
  • 1911 - 1919:     Kurat an St. Clemens Maria Hofbauer in Berlin.
  • 1919 - 1929:     Pfarrer an St. Matthias in Berlin
  • 1929 - 1933:     Pfarrer an St. Lamberti Münster
  • 28.Oktober 1933:   Bischofsweihe im Dom durch Kardinal Joseph Schulte (Köln).
  • 13./20. Juli, 3. August 1941:     Predigten gegen "Klostersturm" und Euthanasie.
  • 18. Februar 1946:   Aufnahme in das Kardinalskollegium durch Papst Pius XII.
  • 16. März 1946:       Triumphaler Empfang in Münster.
  • 19. März 1946:       Schwere Erkrankung , Operation.
  • 22. März 1946:       Tod des Kardinals im Franziskushospital.
  • 9. Oktober 2005:     Seligsprechung in Rom.

 

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