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Das „Münsteraner Klimagespräch“ über Mensch und Umwelt

Der Philosoph und Moderator Jürgen Wiebicke war am Montag, 27. April 2026, zu Gast in der vhs. Ab 19.04 Uhr führte er ein Gespräch mit der Wissenschaftlerin Lorina Buhr von der Universität Göttingen, das live für WDR 5 übertragen wurde.

 
Moderator Jürgen Wiebicke, Mann in dunklem Jacket, und Dr. Lorina Buhr, junge blonde Frau sitzen auf einem Podium
Bildrechte: Christine Bertels

Moderator Jürgen Wiebicke und Dr. Lorina Buhr, Uni Göttingen

Moderator Jürgen Wiebicke steht mit dem Mikrofon vor einem sitzenden Publikum
Bildrechte: Christine Bertels

Moderator Jürgen Wiebicke ging häufig ins Publikum.

Der Ü-Wagen war pünktlich und die Technik rechtzeitig aufgebaut, rund 120 Stühle standen bereit. 104 Anmeldungen hatte die vhs Münster erhalten, zum Beginn der Übertragung waren es 123 Personen im vhs-Forum – Die ersten Besucherinnen und Besucher kamen bereits um 17.40 Uhr, viele Fans der Sendung und Interessierte, die zum ersten Mal vom „Philosophischen Radio“ oder den „Münsteraner Klimagesprächen“ gehört hatten. 

Am E-Screen lief bereits eine Abfolge von abgeschmolzenen Gletscherbildern des Schneeferners und der Zugspitze und des teils entnadelten Harzes. Und einige Zitate aus dem im März erschienenen Reclam-Büchlein von Lorina Buhr, dem Gast dieses Abends, wurden gezeigt: Das Büchlein heißt „Von der Tiefe des Eingriffs. Wie wir Menschen unsere Umwelt unumkehrbar verändern“.

Lorina Buhr, Philosophin, Ethikerin und politische Theoretikerin an der Uni Göttingen, hatte klare Antworten mitgebracht: Thesen und zusammenfassende Darstellungen des Forschungsstandes, erstens zu den „irreversiblen“ Veränderungen im Klimasystem und den „irreversiblen“ Schäden in der Umwelt sowie zweitens zu den Vorstellungen, die mit dem Ziel verbunden sind, „Natur wiederherzustellen“ und Schäden und Verluste in der Umwelt „umzukehren“ oder „auszugleichen“.

Was kann Philosophie leisten, wenn es um Trauer und Traurigkeit geht, um Sorge, (Verlust-)Ängste und um Privilegien und Verteilungskämpfe, sobald wir über vertrocknete Wälder, ausgetrocknete Flüsse, abgeschmolzene Gletscher nachdenken, über das Artensterben und die Erderhitzung? Welche Antworten hat die Philosophie, wenn sich unser Engagement für die Erforschung, den Erhalt und die Pflege unserer Um- und Mit-Welt als zu gering, zu schwach, zu langsam erweist?

Können wir unser mechanistisches Verhältnis zur Natur verändern? Lorina Buhr dazu: „Wir Menschen sind (wie alle Lebewesen) immer eingebunden, eng verflochten mit der Natur, auch wenn wir durch Kulturleistungen vermeintlich aus der Natur heraustreten und bestrebt sind, Natur technisch einzuhegen (insbesondere wir Menschen der modernen Industriegesellschaft). Wir erleben daher sowohl Naturverbundenheit als auch Hybris.“

Weitere Fragen die sich stellen, angesichts zunehmender Unsicherheiten: Könnten z. B. Risiko-Abwägungen realistischer gestaltet werden, so dass wir besser geschützt sind vor Hochwasser oder anderen Katastrophen? und: Wie können Ignoranz, Verdrängung, Handeln wider besseren Wissens aufhören, unser Leben zu bestimmen? (Beispiel: Mitgefühl für den Wal Timmy, aber Verdrängung der qualvollen Tierhaltung für den Fleischkonsum). Bei diesen und den folgenden Fragen kamen auch Stimmen aus dem Publikum zu Wort. 

Schließlich ging es darum, wie wir uns zu „Verschwindens-Erfahrungen“ verhalten (sollen)? Zum „Verlust-Tourismus“: Staunen, Faszination und zugleich Entsetzen. „Sich diesen Erfahrungen auszusetzen hat einen Wert“, meint Lorina Buhr, „wenn es nicht konsumistisch geschieht, sondern Nachdenken über Ursachen und Verantwortung“ anregt. 

„Der Natur folgen“, Schönheit erleben, genießen, feiern: Lorina Buhr ist überzeugt, „nicht individuelles, sondern kollektives und systemisches Handeln kann den Klimawandel aufhalten.“ Auch seien „unsere Begriffe von Freiheit, Fortschritt, Wohlstand, Wertschöpfung noch kapitalistisch“ – „durch Markt- und Anreizstrukturen“ geprägt, die widersprüchliches Denken und Handeln fördern und zugleich davon ablenken, dass wir in diesen Denkstrukturen gefangen sind.

Ja, meint Lorina Buhr, wir können anders, kritisch über Natur und unser Verhältnis zur Natur nachdenken. Allerdings z. B. nicht im Sinne einer Idee der „Reparatur“ des Klimas (oder der Natur), sondern indem wir „abgenutzte, ausgehöhlte“ Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ in Frage stellen und solche finden, die „zuträglich sind, ein neues Verhältnis zur Natur aufzubauen.“ 

Wichtig dabei: Einen „aufgeklärten Nachhaltigkeitsdiskurs“ führen, wachsam sein, fragen: Was ist ökologisch realistisch, realisierbar? Auch „inspirierendes Trauern“ um „unwiederbringlich Verlorenes“ ist wichtig, ebenso wie das bewusste Erleben der Schönheit der Natur.

Die Sendung zum Nachhören und zum Download in der WDR-Mediathek.
Ein Beitrag von Amina Diehl (efm), Bündnis Münsteraner Klimagespräche.