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Interview mit Politikwissenschaftlerin und Publizistin Katharina Nocun
Verschwörungsideologien: Gefährliches Potenzial für eine mögliche „Rechtskurve“
Seien es geschichtliche Ereignisse, globale Themen wie der Klimawandel oder auch nur einzelne Personen – die Liste mit Themen von Verschwörungserzählungen ist sehr lang. Gepaart mit Antisemitismus und Rassismus haben Verschwörungsmythen in der Vergangenheit fatale Folgen nach sich gezogen. Mit diesen Themen beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Katharina Nocun. Gemeinsam mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty verfasste sie die Bücher „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ und „True Facts. Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“. Im Interview mit Henrik Oberhag spricht sie u. a. über die Fragen, warum Verschwörungserzählungen auf manche Menschen eine Faszination ausüben können, worin der Zusammenhang mit Antisemitismus besteht und wie Bildungsarbeit präventiv wirken kann.
Frau Nocun, im Titel Ihres Buches Fake Facts erwähnen Sie, dass „[…] Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen.“ Sind Verschwörungserzählungen denn etwas, was uns alle betrifft?
Viele Menschen neigen dazu, bei der Diskussion über Verschwörungserzählungen zu sagen, dass das Thema immer nur die anderen betrifft. Es würde in der eigenen Familie beispielsweise nicht vorkommen oder im eigenen Freundeskreis wäre das niemals denkbar. Der Hang aber an Mythen zu glauben, geht quer durch die Gesellschaft. Gerade auch in Krisenzeiten kann es passieren, dass auch solche Menschen anfällig werden für Verschwörungserzählungen, die so etwas sonst für vollkommen unplausibel abgetan hätten.
Das wird jetzt auch während der Corona-Pandemie deutlich. Teilweise werden sehr drastische Verschwörungserzählungen auch von Menschen mit einem hohen akademischen Abschluss verbreitet. Der Glaube an eine große Verschwörung hinter allem ist kein neues Phänomen. Und auch wenn wir in die Geschichte zurückblicken, muss man sagen, dass es eine Zeit in Deutschland gab, in der die Mehrheit der Bevölkerung an eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“ geglaubt hat.
Was macht denn Verschwörungserzählungen für manche Menschen so interessant?
Solche Geschichten docken sich sehr geschickt an psychologische Grundbedürfnisse an, die wir im Grunde alle haben. Sie geben uns die Illusion von Kontrolle. Wenn jemand also meint, die eigene Umgebung sei unberechenbar und fühlt sich dem ausgeliefert, dann geben Verschwörungserzählungen einem die Geschichte eines großen Plans, den die Person zu kennen glaubt - vor allem auch im Gegensatz zu seinen Mitmenschen. Die Person kann sich also zusätzlich über ihr Umfeld erheben und bekommt das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Gemäß nach dem Prinzip: „Ich bin mehr als ein kleines Rädchen im Getriebe.“
Das alles kann natürlich ein sehr attraktives Angebot für das Selbstwertgefühl sein. Gerade in Situationen, in denen ein Mensch diese positiven Gefühle in anderen Bereichen seines Lebens vielleicht nicht bekommt. Das kann bei einigen eine sehr große Rolle spielen.
Auf eine inhaltliche Diskussion, Kritik oder Nachfragen reagieren Verschwörungs-Anhänger manchmal mit großer Abwehr. Oftmals bekommen Freunde oder Familienangehörige dann das Gefühl, das Gegenüber wird regelrecht wütend. Das liegt in einigen Fällen vielleicht daran, dass der Glaube daran, Teil einer kleinen auserwählten Gruppe zu sein, manchmal zentral in das jeweilige Selbstbild eingewebt ist. Gerade, wenn die Person schon Monate oder Jahre Teil dieses Milieus ist. Werden die jeweiligen Ansichten hinterfragt, fühlen sich Personen schnell persönlich angegriffen und reagieren dementsprechend.
Dabei müssen wir aber auch bedenken, dass der Glaube an eine große Verschwörung nicht von heute auf morgen entsteht. Das ist meistens ein Prozess, der sich über längere Zeit hinzieht.
Bei meiner inhaltlichen Vorbereitung für unser Gespräch war mir aufgefallen, dass manche Verschwörungserzählungen öffentlich mehr thematisiert werden als andere. Ein bekanntes Beispiel wären vielleicht die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center, um das sich viele Mythen ranken. Welchen Grund hat das denn? Woran liegt es, dass sich einige Verschwörungsmythen stärker verbreiten?
Besonders bekannt und verbreitet sind Verschwörungserzählungen, die sich um Ereignisse drehen, die wir als kollektiv wichtig wahrnehmen. Solche Geschichten können dann eben auch sehr stark an eine virale Berichterstattung anknüpfen. Vor allem auf digitalen Plattformen wie Facebook oder Youtube ist das ein Effekt, der nicht zu vernachlässigen ist. Nach Amokläufen oder Terroranschlägen sehen wir regelmäßig, dass Verschwörungsideologen sehr schnell und teilweise noch während die Anschläge stattfinden, behaupten, sie allein wüssten, was wirklich dahinter stecke. Es gleicht schon fast einem Wettstreit darum, wer als erstes ein möglichst griffiges Narrativ in die Welt setzt.
Im Grunde können wir uns die Verbreitung von Verschwörungserzählungen aber auch wie ein großes Ökosystem vorstellen, wo zum Teil „Stille Post“ gespielt wird. Das heißt, zahlreiche Geschichten werden immer wieder weitererzählt und dabei verändern sie sich. Dadurch wird dann gewissermaßen „mit den Füßen abgestimmt“, was bei Anhängerinnen und Anhängern am besten auf Zustimmung trifft. Es ist nicht auszuschließen, dass sich der ein oder andere Verbreiter von Verschwörungsmythen daran orientiert.
Zudem gilt, dass es von jeder Verschwörungserzählung unzählige Variationen gibt, die im Internet kursieren. Teils beschuldigen sich auch die jeweiligen Akteure gegenseitig, Mitglied einer Verschwörung zu sein.
Sie sprachen die Mythen an, welche sich nach einem Anschlag verbreiten. Welchen Stellenwert haben denn allerdings Verschwörungserzählungen hinter der Motivation an einem Anschlag?
Verschwörungsideologien sind oft ein zentraler Bestandteil rechtsextremer Propaganda. Wir brauchen uns nur die rechtsextremistischen Attentate der letzten Jahre anzuschauen. Die Anschläge von Halle, Hanau und Christchurch in Neuseeland sind ja auch international in den Medien diskutiert worden. Das alles waren Attentate, bei denen Verschwörungserzählungen zumindest eine Rolle gespielt haben, auch bei der Radikalisierung der Attentäter.
Zudem müssen wir uns bewusst machen, dass innerhalb von Verschwörungserzählungen auch ein bestimmtes Weltbild transportiert wird. Es gibt eine ganz klare Abgrenzung: Der Kampf des Guten gegen das absolut Böse. Das heißt, dass die Feindbilder sehr stark überzeichnet sind. Es wird unterstellt, dass die eigene Gruppe quasi gegen böse Verschwörer kämpft, die anderen Menschen um jeden Preis schaden wollen. Dabei findet eine sehr starke Dämonisierung politischer Gegner statt, was sich auch auf politische Debatten auswirken kann. Vor allem aber erzählen die Menschen anderen und sich selbst damit eine Heldengeschichte. Damit kann dann im schlimmsten Fall auch Gewalt verherrlicht werden als vermeintliche Notwehr gegen die angeblichen Verschwörer. Das ist ganz klar die große Gefahr von Verschwörungsideologien.
Wenn wir noch einmal bei den Ereignissen in Halle, Hanau und Christchurch bleiben: Das waren Anschläge, die klar antisemitisch und rassistisch motiviert waren. Wo genau besteht denn der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Verschwörungstheorien? Was kennzeichnet diese Mythen?
Verschwörungserzählungen drehen sich bevorzugt um Personen oder Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden. Hintergrund dafür ist, dass die Verschwörungserzählung plausibler erscheint, wenn jemand behauptet, dass die jeweiligen Akteure über große Macht verfügen. Dabei spielen sehr verbreitete Stereotype, Klischees und Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden eine extrem große Rolle. So werden sie häufig in Verbindung gebracht mit Geld, Macht oder politischen Einfluss. Das sind sehr alte, tief verwurzelte Stereotype, die auch heute noch in der Gesellschaft weit verbreitet sind und an denen sich schließlich Verschwörungserzählungen sehr gut andocken können.
Zudem ist zu beobachten, dass sich die Sprache verändert hat. Verbreiter von Verschwörungserzählungen sagen nicht mehr, dass sie an eine „jüdische Weltverschwörung“ glauben würden, sondern, dass die Welt beispielsweise von „Globalisten“ kontrolliert werde. Das sind Codewörter, deren Bedeutungen und Bezüge in der rechtsextremen Szene bekannt sind. Für Außenstehende wirkt das natürlich dann erst einmal unverfänglich. Das ist auch das gefährliche an solchen Codes, gerade weil es zunächst keinen offensichtlichen Bezug zu den Verbrechen des Nationalsozialismus schafft. Rechtsextreme Akteure verbreiten auch heute noch massiv antisemitische Inhalte, auch wenn diese oft nicht mehr so prominent nach vorne gestellt werden. Stattdessen setzen sie auf Codes, Umwegkommunikation und Andeutungen, bei denen Eingeweihte aber genau wissen, was gemeint ist. So lässt sich im Nachhinein leichter dementieren, dass Aussagen antisemitisch gemeint waren.
Auch beim Thema Corona sehen wir, dass in den letzten Monaten einige Akteure eine sehr dramatische „Rechtskurve“ vollzogen haben. Zu Beginn der Pandemie wurde noch dementiert, Querdenken habe Verbindungen zu Rechtsextremisten. Später gab es Geheimtreffen mit prominenten Reichsbürgern.
Mir ist eine Aussage von Ihnen zu Beginn unseres Gespräches sehr im Kopf geblieben. Sie sagten, dass Verschwörungs-Anhänger oftmals mit einer Abwehrhaltung auf eine Diskussion reagieren. Aber gerade das, also miteinander reden, sachlich diskutieren, sind ganz zentrale Elemente einer Demokratie. Wie können demokratische Bildungsarbeit oder auch betroffene Personen die Menschen dann noch erreichen, die Verschwörungserzählungen Glauben schenken?
Beratungsstellen sagen, dass gerade das direkte Umfeld oftmals sehr wichtig ist. Vor allem, wenn es darum geht, eine Person „zurückzuholen“, die sich noch nicht sehr intensiv in diesen Denkmustern verfangen hat. Selbst wenn Menschen an eine große Wissenschafts- oder Medienverschwörung glauben und wissenschaftliche Erkenntnisse anzweifeln, so hören sie dann vielleicht doch noch dem besten Freund oder der Schwester zu. Ich finde es sehr wichtig, das Gespräch zu suchen, indem die Familie oder Freunde Gegenargumente äußern sowie Antisemitismus und Rassismus klar benennen. Manchmal kann es auch helfen, Fragen zu stellen. Etwa, wie es der Person gerade allgemein geht um in Erfahrung zu bringen, ob vielleicht andere Dinge der Auslöser für die intensive Beschäftigung mit dem Thema waren. Das Umfeld kann auch ansprechen, dass sie denken, dass der andere sich in den letzten Monaten stark verändert hat und sie sich Sorgen machen. Oder aber sie erfragen, wie jemand dazu steht, dass eine Gruppierung einerseits behauptet, für Liebe und Frieden zu stehen, andererseits aber Hass gegen Andersdenkende schürt.
Ich finde es ganz wichtig in solchen Fällen eben auch Zivilcourage zu zeigen. Ähnlich wie beim Thema Rassismus. Wenn jemand rassistische Verschwörungserzählungen im eigenen Umfeld verbreitet, dann sollte nicht weggesehen, sondern vor allem Gegenrede betrieben werden. Gerade wenn andere Personen noch zuhören, um auch die Verbreitung von solchen Mythen einzudämmen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir als Gesellschaft denjenigen den Rücken stärken, die nicht tatenlos zusehen wollen, wenn Freunde oder Angehörige plötzlich ins verschwörungsideologische Milieu abdriften. Es bräuchte deutlich mehr finanzielle Mittel für Beratungsangebote. Gleichzeitig brauchen wir aber auch auf gesellschaftlicher Ebene mehr Unterstützung für die Opfer von Verschwörungsideologien. Derzeit werden Journalisten, Wissenschaftler, Aktivisten und Juden eingeschüchtert, bedroht oder auch teilweise attackiert in Folge von solchen Narrativen. Da bräuchte es eine deutlich konsequentere Strafverfolgung – Morddrohungen sind kein Kavaliersdelikt.
Ich glaube, es bräuchte auch eine neue Form von Zivilcourage. Dass wir klar und deutlich zeigen: So etwas geben wir keinen Raum in unserer Gesellschaft.
Welchen Stellenwert hat für Sie historisch-politische Bildungsarbeit hinsichtlich der Prävention gegen Verschwörungserzählungen?
Historisch-politische Bildungsarbeit hat einen immens wichtigen Stellenwert bei diesem Thema. Mich überrascht es, wie oft mir in Interviews immer noch die Frage gestellt wird, ob Verschwörungserzählungen ein Phänomen des Internets sind. Natürlich sollten wir die Rolle von Online-Plattformen nicht unterschätzen, gerade hinsichtlich der Verbreitung von diversen Erzählungen. Es wird dabei aber oft einfach vergessen, welche Rolle Verschwörungsideologien zum Beispiel in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben. Damals wurden bestimmte „Rezepte“ angewendet, die wir auch heute noch bei rechtsextremen Narrativen finden. Die einfachen Feindbilder, eine Dämonisierung der vermeintlichen Verschwörer, die Wissenschafts- und Pressefeindlichkeit und die damit verbundene Immunisierung gegenüber Kritik. All diese Mechanismen haben für diejenigen, welche zur Zielscheibe von Verschwörungsideologien wurden, in der Vergangenheit zu unfassbarem Leid geführt.
Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass diese Parallelen in der Bildungsarbeit noch stärker gezogen werden würden. Verschwörungserzählungen sind eben nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit, sondern es werden heute eigentlich auch noch ähnliche „Rezepte“ von rechtsextremistischen Gruppierungen angewendet. Diese können dann im schlimmsten Fall in der Überzeugung münden, dass jemand als „Held“ gegen „die Verschwörer“ kämpfen müsse und Attentate ein legitimes Mittel wären.
Deswegen finde ich es sehr wichtig, schon Jugendlichen nahezubringen, wie gefährlich auch vermeintlich harmlose oder auch „lustige“ Verschwörungserzählungen sein können.
Frau Nocun, vielen Dank für das Gespräch.


