Kunst am Rand
Das Ausstellungsprojekt in Münster-Kinderhaus ist die Weiterentwicklung der über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gewordenen Outdoor-Ausstellung „Kunst trifft Kohl“, die seit 2005 Alltagsorte für die Kunstpräsentation erschloss. Zunächst im Stadtteil Kinderhaus, dann auch regional angesiedelt, begrenzten die Ausstellungsmacher*innen seit 2016 das Projekt wieder auf den Stadtteil Kinderhaus. Kunst am Rand fand zuletzt 2024 statt.
Aufgrund der erheblichen Schäden und Zerstörungen zahlreicher Kunstwerke pausiert das Format derzeit. Die Wiederaufnahme des Projekts ist an die Entwicklung neuer Konzepte und geeigneter Lösungsansätze geknüpft.
Vergangene Ausstellungen
„Schichtwechsel”
Franka Boltz und Dr. Kathrin Menke
Ausstellungsformat: Potenziale
Ausstellungseröffnung: 7. September 2026 ab 19 Uhr
Ausstellungslaufzeit: 7. September bis 16. Oktober 2026
In der Ausstellungsreihe – Potenziale stellt das Kap.8 Franka Boltz und Dr. Kathrin Menke vor. Ihre Werke könnten auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein. Und doch fügen sich ihre Bilder – irgendwo zwischen Fülle und Leere, klar gesetzter Abstraktion und naiver Formensprache – im spielerischen Wechsel zu einer gelungenen Präsentation. Der Ausstellungstitel ist treffend gewählt: Schichtwechsel.
Fülle – Dr. Kathrin Menke schüttet ein Füllhorn von Beobachtungen spielerisch aufs Papier. Hier formen sie sich zu Wimmelbildern, die die Betrachtenden zum neugierigen Entdecken einladen und dabei sicher bei dem ein oder anderen Erinnerungen aus der Kindheit wecken. Menkes Werke fallen ins Auge und haben einen ganz eigenen Stil. Ihre Motive kreisen um Momente und Geschichten, die sie selbst berührt, beschäftigt oder erheitert haben. Ihre Heimatstadt Münster und ihre Bewohnerinnen und Bewohner sind in den zahlreichen sorgfältig ausgearbeiteten Details unverkennbar wiederzuerkennen. So eröffnet sich etwa ein Blick aus der Vogelperspektive auf die Promenade. Historische Gebäude, ein Riesenrad und Flohmarktstände erzählen von vertrauten Orten, Festen und Freizeitvergnügungen; zugleich verweisen Szenen eines studentischen Klimaprotests auf aktuelle gesellschaftliche Themen und das besondere Lebensgefühl der Stadt.
Menkes scheinbar naive Figuren sind mit leichter Hand gezeichnet. Sie bevölkern das gesamte Bildgeschehen: Sie joggen, demonstrieren, spielen, angeln und gehen den unterschiedlichsten Tätigkeiten nach. Die dargestellten Szenen sind liebevoll und farbenreich gestaltet. Der malerische Farbauftrag verweist auf weitere Werkgruppen der Künstlerin, darunter kleinformatige Aquarelle und Linolschnittserien, von denen ebenfalls Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sein werden.
Leere – Franka Boltz greift in ihrer aktuellen künstlerischen Arbeit auf Szenerien, Fundstücke und Objekte in ihrer Lebenswirklichkeit zurück. Wäscheständer, Möbel, Stoffe oder die Überreste einer Mahlzeit können zum Bildanlass werden. Sie untersucht die vorgefundenen Situationen, so ist ihr der Raum oder auch die Perspektive der Wahrnehmung wichtig. Eine bloße Wiedergabe der Erfahrung entspricht jedoch nicht ihrem malerischen Ansatz. Zwar arbeitet sie gegenständlich, ihr eigentliches Interesse gilt jedoch dem Verbergen des Offensichtlichen, den Leerstellen sowie den Überlagerungen des Ursprünglichen. Bereits in ihren spontanen, kleinformatigen Arbeiten, die direkt vor Ort entstehen, wählt sie ungewöhnliche Blickwinkel. Selten lässt sich ein Gegenstand vollständig erfassen: Was zunächst wie eine Folge diagonaler Streifen ohne erkennbares Motiv erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als angeschnitten dargestellte Snackschale, die sich beinahe unmerklich in die Struktur eines Holztisches einfügt.
Wenige präzise gesetzte Linien und eine sensible, zurückhaltende Farbigkeit kennzeichnen ihr künstlerisches Vorgehen. In ihren großformatigen Serien auf Leinwand führt sie die beobachteten Szenen in abstrakt anmutende Bildräume. Sie untersucht durch Schichten, Verbergen mit Hilfe von Übermalungen oder Auslassungen von Farbaufträgen neu entstehende Ansichten. Zudem lotet sie die Möglichkeiten und Materialien von Bildträger wie Transparentpapier, Glas oder Folien aus. Durch deren Einsatz erreicht sie neue Dimensionen der Darstellung.
Was aber vereint diese unterschiedlichen Werkreihen der Autodidaktin Menke und der an der Kunstakademie ausgebildeten Franka Boltz? Beide schöpfen ihre Bildideen aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Beide reizt das alltägliche Geschehen. Das Alltägliche dient ihnen als Ausgangspunkt, mit dem sie durch genaues Beobachten und sensibles Hinsehen Besonderes entdecken. Zum anderen haben sie ein Gespür für die Komposition: Sowohl Boltz als auch Menke entwickeln Bilder, die ohne die gezielte Setzung von Formen, Farben nicht wirken könnten. Nicht zuletzt teilen beide Künstlerinnen die Freude am Experimentieren mit Materialien sowie am differenzierten Einsatz von Farbe. Diese Gemeinsamkeiten lassen ihre Arbeiten in der aktuellen Präsentation überraschend harmonisch erscheinen. Menke erzählt Geschichten, Boltz verbirgt sorgfältig die ursprünglichen Erzählungen.
Die Besuchenden können sich auf einen Ausstellungsbesuch mit sehr anregenden und wechselnden Eindrücken freuen.
„Etwas klopft leise an”
Robin Bolt und Renate Kotzke
Ausstellungsformat: Potenziale
Ausstellungslaufzeit: 20. April 2026 bis 8. Juni 2026
Die Reihe Potenziale präsentiert in der kommenden Ausstellung mit Robin Bolt und Renate Kotzke zwei künstlerische Positionen. Beide legen einen besonderen Fokus auf Erinnerungen, Verortung vergangener Ereignisse und deren Wirkung bis in die Gegenwart hinein. Eine Besonderheit dieser Präsentation ist, dass sich mit den beteiligten Künstlerinnen die Generationen Digital Native und Babyboomer treffen und ein gemeinsames Forschungsinteresse teilen.
Bolt setzt sich selbst mit einem Selbstauslöser an Orten ihrer Kindheit in Szene. Es sind nicht laute auffällige Situationen, die sie interessieren, es sind eher stille, besondere Momente. Bolt kreiert bizarr anmutende Situationen. Mal verschwindet die Künstlerin hinter bedruckten Textilien, mal hinter geometrischen Masken, meist innehaltend, bewegungslos. Bewusst nutzt sie Nicht-Orte für ihre Inszenierungen. Diesen Orten fehlt eine zuschreibbare Identität, sie erscheinen jedoch vertraut und sind so universell zu entschlüsseln. So erreicht Bolt, trotz der befremdlichen Szenen ihrer Bildwelten, eine scheinbar alltägliche, fast vertraute Wirkung.
Eine Kiste mit alten Fotos aus Familienbesitz bildet den Ausgangspunkt für die Malereien von Renate Kotzke. Dieser Fund erinnert an nahe Verwandte, vertraute Szenen, aber öffnet zudem den Blick auf fast vergessene Momente und Vorfahren. Kotzke nutzt diese Aufnahmen zur malerischen Reflexion und lässt die in der Vergangenheit abgelichteten Personen auf der Leinwand neu auftreten. So schafft sie Erinnerungen, die keine sind, und Protagonisten, die vertraut und zugleich fremd erscheinen. Auch bei Kotzke sind die Orte der Aufnahmen ihrer alten Heimat (Danzig) nicht mehr zuzuordnen, ihre Bilder könnten irgendwo spielen.
Während es Kotzke gelingt, mit malerischen Mitteln ihre individuelle Suche in kollektive, bekannt erscheinende Bildwelten zu übersetzen, befremdet Bolt die Betrachtenden, indem sie sich in schwer einzuordnenden, intimen Momenten darstellt. Die Künstlerinnen spüren so auf ihre Weise dem Wesen der Erinnerung nach, ihrer Wirkung und Verfremdung bis in die Gegenwart. Trotz der feinen Differenzen verweisen beide auf die Vergeblichkeit der exakten Wiederholung von Vergangenem. Es sind, wie es Bolt selbst beschreibt, „Versuche, Erinnerungen zurückzuholen, die niemals gelingen werden.“
Die Besuchenden der Ausstellung werden sich vielleicht an eigene Familiengeschehnisse erinnern, wie Familienfeiern in Gärten, Ausflüge und Reisen. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf diese Erinnerungen und Orte machen diese Ausstellung besonders reizvoll und regen an, eigenen Geschichten nachzuhängen.
„Kinderhauser Beziehungsarbeit”
Ein Hörspaziergang über Freundschaft
Was bedeutet Freundschaft? Der Audiowalk „Kinderhauser Beziehungsarbeit“ lädt dazu ein, dieser Frage an verschiedenen Orten im Stadtteil Kinderhaus nachzugehen:
- 1. Hörspur für den Idenbrockplatz: Freundschaftsdefinitionsversuche (mp3, 5,43 MB) (MP3; 5,43 MB)
- 2. Hörspur für die Sprickmannstraße: Wege von Beziehungen (mp3, 1,89 MB) (MP3; 1,89 MB)
- 3. Hörspur für den Langebusch: Herausforderungen (mp3, 1,94 MB) (MP3; 1,94 MB)
- 4. Hörspur am Bestattungsinstitut: Endliche Freundschaften an (mp3, 2,79 MB) (MP3; 2,79 MB)
- Künstler*innengespräch auf Youtube
Die Hörspuren basieren auf Gesprächen mit Kinderhauser Bürger*innen und eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf Freundschaft – von ihren Anfängen und Herausforderungen bis hin zu Abschied und Vergänglichkeit.
Entwickelt wurde der Hörspaziergang 2022 von den Künstlerinnen Tarabea Guastavino San Martín und Lisa Tschorn auf Grundlage von Interviews, die im Rahmen des Seminars „Geographien der Freundschaft“ an der Universität Münster entstanden. Die Uraufführung fand am 6. November 2022 statt. Im Rahmen der Stadtviertel-Förderung förderte das NRW KULTURsekretariat und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen das Projekt.