Versorgung
In den Lagern herrschte Hunger. Die Versorgung war einseitig: Steckrüben und Kohlsuppe standen meist auf dem Speiseplan. Die schlechte Qualität der Nahrung belegt ein Beschluss des Landrates im Landkreis Münster von November 1942, der die Ausgabe von minderwertigem, für den Verkauf ungeeignetem Fleisch an Kriegsgefangene oder an Häftlinge erlaubte.
Der Gesundheitszustand der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter war nicht nur wegen der mangelhaften Ernährung schlecht. Bei hohen Belegungszahlen, unzureichenden Toiletten und Waschmöglichkeiten in den Lagern verbreiteten sich ansteckende Krankheiten wie Fleckfieber schnell. Medizinische Versorgung war kaum gegeben. „Ostarbeiter“ waren vom Krankenversicherungsschutz ausgeschlossen, hätten ihre Behandlung also selbst finanzieren müssen.
Den Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen stand in eng begrenztem Umfang Freizeit zu. Vereinzelt organisierten sie Kinovorführungen oder Ausflüge an arbeitsfreien Sonntagen. In den Kriegsgefangenenlagern wurde ein Teil des ohnehin niedrigen Lohns in Lagergeld ausbezahlt, mit dem nur im Lager eingekauft werden konnte. Um ihre Einkünfte ein wenig zu steigern, stellten manche Zwangsarbeiter in ihrer knappen Freizeit Holzfiguren oder Strohkästchen her, die sie bei gutwilligen Deutschen trotz Verbots gegen Lebensmittel tauschten.
Eine große Gruppe bildeten junge Zwangsarbeiterinnen, die zum Teil als Jugendliche oder junge Erwachsene zwangsrekrutiert wurden. Auch sie mussten schwer körperlich arbeiten. Teilweise wurden Schwangere oder Mütter mit Kleinkindern verschleppt. Für sie galten eingeschränkte Schutzbestimmungen. Die Geburten fanden unter schlechter medizinischer Versorgung und selten unter ärztlicher Betreuung statt. Bereits kurz nach der Geburt mussten die Frauen wieder arbeiten. In Waltrop wurde ein Entbindungs- und Abtreibungslager für Polinnen, Ukrainerinnen und Russinnen eingerichtet. In vielen Fällen wurden Frauen dort zur Abtreibung gezwungen.
Zwangsarbeiter erinnern sich an die Versorgung und Arbeit
Stanislava Schjatanova:
„Das Essen aus Münster kam in Kannen: Das war Suppe, alles Mögliche. Rüben, mal eine Kartoffel. Alles Mögliche reingerührt ins Essen! Davon mussten wir uns ernähren. Heute würden nicht mal die Schweine fressen, was wir essen mussten.”
Nikolaj Tschivnel:
„In der freien Zeit ging ich in die Stadt: Brotmarken betteln. Wir waren hungrig. Es ist nicht peinlich. Die Not hat uns gezwungen.”
Arbeitseinsatz
In Münster fehlten kriegsbedingt viele Arbeitskräfte. Sie wurden zunächst durch kriegsgefangene Soldaten der Ost- und Westfront ersetzt. Ab 1942/43 kamen in großem Umfang zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hinzu, die meist unter falschen Versprechen aus den besetzten Nachbarländern ins Deutsche Reich gelockt oder verschleppt wurden. Sie arbeiteten in der Verwaltung, in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder bei der Reichsbahn. Sie räumten Trümmer, bargen Leichen, kehrten Straßen, standen an Drehbänken oder halfen in den Ställen der Bauernhöfe.
„Ostarbeiterinnen” und „Ostarbeiter” sowie sowjetische Kriegsgefangene litten unter besonders harten Arbeitsbedingungen. Sie leisteten die körperlich schweren und schmutzigen Arbeiten. Nur selten wurden die Arbeitskräfte hinreichend angelernt. Schwere Arbeitsunfälle ereigneten sich häufig. In der Regel musste zehn Stunden am Tag gearbeitet werden, wobei Überstunden oder Sonntagsarbeit besonders für „Ostarbeiterinnen” und „Ostarbeiter” und für Kriegsgefangene üblich waren. Die Arbeitszeiten wurden ab September 1944 für Männer, Frauen und auch für Kinder noch erhöht.
Die ersten Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Ohne ihren Einsatz wäre die Feld- oder Erntearbeit nicht zu bewältigen gewesen. Die Anzahl der in der Landwirtschaft tätigen Zwangsarbeiter lässt sich für einzelne Gemeinden über die Meldekarteien nachvollziehen: So waren in Roxel 318 Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in 88 landwirtschaftlichen Betrieben tätig. In Nienberge waren es 145 Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in 61 landwirtschaftlichen Betrieben, und in Albachten arbeiteten 119 Zivilarbeiter und Kriegsgefangene in 34 landwirtschaftlichen Betrieben.
Viele Handwerksbetriebe konnten ihren Betrieb nur aufrechterhalten, wenn die Arbeitsämter ihnen auf Antrag Kriegsgefangene oder zivile Zwangsarbeiter zuteilten. So bat etwa ein Bäcker in Münster im April 1942 um die Überweisung eines serbischen Kriegsgefangenen für seine Backstube. Er hatte gehört, dass dieser als gelernter Bäcker bisher in der Straßenräumung eingesetzt worden sei.
Auch im Bauhandwerk fehlten viele Arbeitskräfte. Dazu stieg durch die Zerstörungen der Luftangriffe der Bedarf an Handwerkern. Bei größeren Bauunternehmen wie Josef Oevermann oder Peter Büscher waren allein 65 französische Kriegsgefangene beschäftigt. Auch andere Hoch- und Tiefbaufirmen wie die Unternehmer Hermann Borchard, Heinrich Bücker und Wilhelm Otto oder die Parkettfabrik Friedrich Theissing beschäftigten Zwangsarbeiter. Schon bei den ersten Bombenangriffen auf Münster wurden viele Häuser beschädigt. Viele Dächer mussten repariert und zerstörte Fenstergläser ersetzt werden. Die Stadtverwaltung bildete einen Einsatztrupp aus Zwangsarbeitern, die eine handwerkliche Ausbildung hatten. Sie nannten sie „Dachdecker-Bataillon”. Bis Ende Juli 1943 stellten diese Facharbeiter in Münster zerstörte Wohn- oder Verwaltungsgebäude nach Luftangriffen wieder her. Dann wurde die Einheit nach Hamburg versetzt. Andere Kriegsgefangene waren am Bau von Bunkern oder dem Ausheben von Splitterschutzgräben beteiligt.
Während des Krieges wurden immer mehr Rüstungsgüter produziert. Durch Waffen, Munition, Flugzeuge oder Fahrzeuge stieg die Produktion in der Metallindustrie stark an. Dazu war der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern notwendig. Die größte Rüstungsfabrik Münsters war die Firma Ludwig Hansen & Co. Unter den 2.000 Arbeitskräften waren 1.200 Ausländer. In Münster und Umgebung mussten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auch in der Munitionsfertigung bei der Firma Winkhaus oder den Hiltruper Röhrenwerken bei der Herstellung von Gas- und Wasserrohren Schwerstarbeit leisten.
Hunderte von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern wurden auch bei der Reichsbahn eingesetzt. Frauen beschäftigte die Bahn nicht nur als Putzfrauen für Personen- und Lazarettwaggons, sondern sie wurden wie die Männer auch bei der Ent- und Beladung von Waggons und bei Gleisunterhaltungsarbeiten eingesetzt. Wurden Waren absichtlich oder versehentlich beschädigt, drohten harte Strafen.
Die Stadtverwaltung benötigte Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter anfangs für Arbeiten bei der Straßenreinigung oder Müllentsorgung, schließlich vor allem zur Beseitigung von Bombenschäden. Von den eigentlichen 34 Arbeitern bei der städtischen Müllabfuhr waren nach Einberufungen mit Kriegsbeginn im Herbst 1939 nur noch 12 Männer im Dienst. Der Leiter des Fuhrparks beantragte beim Landesarbeitsamt Kriegsgefangene als Ersatz.
Im Juli 1941 wurde Münster Ziel eines ersten größeren Luftangriffes; es entstanden erhebliche Bombenschäden. Bei den Wiederaufbaumaßnahmen wurden holländische Arbeitskräfte beschäftigt. Außerdem hatten Kriegsgefangene für die Beseitigung von Schäden an der Kanalisation, an Straßen oder an Wasserwegen zu sorgen.
Die Zahl der Bombenangriffe nahm im weiteren Kriegsverlauf zu. Für Aufräumungsarbeiten an besonders gefährlichen Orten wurden vor allem Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, selbst Kinder und Jugendliche, eingesetzt. Sie mussten Leichen bergen, Schutt und Blindgänger wegräumen oder noch verwertbare Möbel aus den Trümmern retten.
Junge Ostarbeiterinnen leisteten Zwangsarbeit auch als Haushaltshilfen oder Kindermädchen in kinderreichen Haushalten in Münster. Da sie in den Familien lebten, wurden sie in der Regel besser mit Lebensmitteln versorgt als die Zwangsarbeiterinnen in den großen Lagern. Sie lebten in ihrer deutschsprachigen Umgebung weitgehend isoliert, Gespräche mit anderen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern waren verboten. Allerdings hatten sie bei Bewährung Anspruch auf drei Stunden Ausgang pro Woche.