Chronologie

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zwischen Kriegstrümmern
Bildrechte: Kriegschronik Wiemers, Nov. 1943, Foto Nr. 102

1939

1. September 1939 Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, Beginn des Zweiten Weltkriegs, schon nach wenigen Wochen wurden erste polnische Zivilarbeitende angeworben und vor allem in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt. Ab Januar 1940 wurden polnische Zivilistinnen und Zivilisten unter Zwang verpflichtet.
Ende September 1939 Die ersten Zwangsarbeitenden für Münster lassen sich nachweisen. Sie kamen in der Landwirtschaft um Münster zum Einsatz. In ganz Westfalen waren im Herbst 1939 insgesamt 14.400 polnische Kriegsgefangene in landwirtschaftlichen Betrieben im Einsatz.

1940

Januar 1940 Polnische Zivilarbeitende und Kriegsgefangene wurden auf landwirtschaftlichen Betrieben oder in deren Nähe in Gaststätten untergebracht. Das Ziel war ihre längere, über saisonale Arbeit hinausgehende Beschäftigung. In Münster entstanden die Lager Mecklenbeck, Loddenheide oder Handorf-Hornheide.
8. März 1940 Die so genannten „Polenerlasse“ führten eine strenge Überwachung der polnischen Zwangsarbeitenden, eine strikte Trennung von der deutschen Zivilbevölkerung ein und erlaubten dem Wachpersonal, harte Strafen zur Abschreckung durchzusetzen.
Mai 1940 Nach dem Angriff auf Frankreich wurden über eine Million französische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz ins Deutsche Reich gebracht. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehr als drei Millionen Deutsche zum Militärdienst eingezogen worden. Parallel bemühte sich die deutsche Besatzung in den eroberten Ländern, mit falschen Versprechen freiwillige Arbeitskräfte anzuwerben.
Juli 1940 Erste niederländische Kriegsgefangene kommen in Münster an. Vorher schon waren holländische Zivilarbeitende angeworben worden. Auf den Bauernhöfen im Münsterland wurden die polnischen Kriegsgefangenen schrittweise durch französische Zwangsarbeitende ausgetauscht.
Dezember 1940 Erstmals wurden kriegsgefangene Belgier in Münster eingesetzt. Sie mussten zusammen mit französischen Kriegsgefangenen bei der winterlichen Straßenräumung arbeiten oder Kohlen für Behörden und für die Bahn transportieren. Parallel kamen Niederländer und Franzosen beim Bunkerbau in Münster am Ludgeriplatz, am Aegidiitor und in der Frauenstraße zum Einsatz.

1941

Januar 1941 Mit Jahresbeginn kamen Kriegsgefangene in privatwirtschaftlichen Betrieben wie Holzhandlungen in Münster zum Einsatz, u. a. in der Parkettbodenfabrik Theissing, in der Holzhandlung Willbrand und beim Rüstungsbetrieb Winkhaus.
Februar 1941 Errichtung des Oflag VI D am Hohen Heckenweg (Offiziersgefangenenlager für Franzosen): Im Herbst 1941 befanden sich dort 2.282 französische Offiziere und 250 Ordonanzen (Offiziersdiener), davon wurden 237 zur Arbeit eingesetzt, unter anderem bei der Straßenräumung.
Mai 1941 Französische Kriegsgefangene wurden nach der deutschen Eroberung Jugoslawiens und Griechenlands durch Serben in der Landwirtschaft abgelöst. Sie kamen außerdem mit tschechischen, französischen und belgischen Zwangsarbeitenden bei der Eisenbahn in Hiltrup zum Einsatz.
22. Juni 1941 Mit dem Überfall auf die Sowjetunion verschleppte die deutsche Wehrmacht erstmals sowjetische Zivilistinnen und Zivilisten, außerdem sowjetische Kriegsgefangene ins Deutsche Reich.
August 1941 Französische Kriegsgefangene wurden in das Lager „Schleuse“ umquartiert; serbische Kriegsgefangene kamen in das Lager „Kinderhaus“.
September 1941 Serbische Kriegsgefangene kamen bei der Stadt in der Straßenreinigung und bei der Müllabfuhr zum Einsatz.

1942

Januar 1942 Russische Kriegsgefangenenlager wurden an der Halle Münsterland und in Angelmodde errichtet. Sie wurden unter anderem bei der Firma Rincklake und der Zimmerei Geringhoff eingesetzt. In der Flugzeugfabrik Ludwig Hansen waren mindestens 800 Zwangsarbeitende beschäftigt.
Februar 1942 Die „Ostarbeitererlasse“ vereinfachten für das deutsche Wachpersonal die Diskriminierung und Separierung der osteuropäischen Zwangsarbeiter. Sie erlaubten bei Verstoß harte Strafen bis zur Todesstrafe.
März 1942 Erste Kriegsgefangene aus der Ukraine kamen nach Münster.
Frühjahr 1942 Beginn der massenhaften Zwangsrekrutierung von Zivilarbeitern in Polen und in den besetzten sowjetischen Gebieten durch das Reicharbeitsministerium in Kooperation mit der deutschen Wehrmacht. Bis Ende 1944 sollten etwa 2,5 Millionen Zivilisten aus der Sowjetunion ins Reich deportiert werden. Das waren bis zu 20.000 Menschen pro Woche.
Ab Juli 1942 Niederländische Handwerker, z. B. Dachdecker, wurden im Wiederaufbau zerstörter Häuser in Münster eingesetzt.
August 1942 Die Stadtverwaltung räumte das Stadthaus. Franzosen und Ukrainerinnen halfen dabei.
Ab September 1942 „Ostarbeiterinnen“ wurden zunehmend als hauswirtschaftliche Hilfen in Privathaushalten eingesetzt, auch in Münster. Sie waren in der Regel zwischen 15 und 35 Jahre alt und kamen oft aus der Ukraine.
Dezember 1942 In Münster kamen Armenier und russische Kriegsgefangene bei der Müllabfuhr und der Straßenreinigung zum Einsatz.

1943

Januar 1943 Ein weiteres russisches Kriegsgefangenenlager wurde in Handorf-Dorbaum errichtet.
April 1943 In Waltrop wurde ein Entbindungs- und Abtreibungslager für Ostarbeiterinnen gebaut. Auch Zwangsarbeiterinnen aus Münster wurden für Geburten oder Zwangsabtreibungen dorthin gebracht.
Ab Juli 1943 Italienische Soldaten mussten als „Militärinternierte“ nach dem Sturz Mussolinis im Deutschen Reich Zwangsarbeit leisten, auch in Münster.
Ab Oktober 1943 Zunehmend wurden russische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, auch Kinder im Alter ab zehn Jahren, bei der Trümmerräumung und Leichenbergung nach Luftangriffen in Münster eingesetzt.
Ab Oktober 1943 Der Zwinger an der Promenade wurde als Gefängnis für ausländische Häftlinge genutzt. Ungefähr 200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden hier verhört, zur Hinrichtung überführt oder teilweise in Konzentrationslager deportiert.
Dezember 1943 Russische und niederländische Zwangsarbeiter halfen bei der Auslagerung des Stadtarchivs in ländlich gelegene Ausweichquartiere. Die Archivbestände wurden so vor Kriegszerstörungen bewahrt.

1944

Januar 1944 Italienische, russische, französische und niederländische Zwangsarbeiter halfen bei der Trümmerräumung, der Instandsetzung der Kanalisation und bei Reparaturen an Häusern.
Ab April 1944 Kinder aus Weißrussland (Belarus) halfen bei der Trümmerräumung.
15. August 1944 Für Münster sind beim Arbeitsamt 4.078 ausländische zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gemeldet, davon 1.209 Frauen und 2.878 Männer. Hinzu kamen ähnlich viele Kriegsgefangene.
September 1944 Das Stalag VI F in Bocholt wurde wegen der Grenznähe nach Münster an den Hohen Heckenweg verlegt. Hier waren rund 5.000 sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert.

1945

24. Januar 1945 Die Gestapo in Münster befahl allen Polizisten, mit aller Härte gegen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vorzugehen. Wenig später folgten reichsweit ähnliche Befehle.
11. Februar 1945 Die Alliierten vereinbarten die sofortige Rückführung aller Menschen aus der Sowjetunion unmittelbar nach Kriegsende.
24. März 1945 Mit einer letzten Rundverfügung verlangte die nationalsozialistische Reichsführung, alle „Fremdarbeiter“ zu „isolieren“. Wenig später wurden die Kriegsgefangenen des Stalag VI F am Hohen Heckenweg nach Warendorf transportiert.
2. April 1945 Nach letzten harten Gefechten eroberten die Alliierten Münster. Noch während der unklaren militärischen und politischen Lage begannen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus den westlichen Staaten ihre Rückreise eigenständig zu organisieren.
Sommer 1945 Es kam zu vereinzelten Plünderungen und Raubüberfällen, auch zu Racheaktionen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Münster und Umgebung.
12. August 1945 Alle russischen „Fremdarbeiter“ wurden über den Güterbahnhof Münster in die Sowjetunion zurück transportiert. Wenig später folgten die russischen Kriegsgefangenen.
Bis September 1945 Fast alle ausländischen ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, nun als Displaced Persons bezeichnet, wurden im Rahmen der Rückführungsabkommen in ihre Herkunftsstaaten zurückgebracht. In Münster verblieben zum Beispiel polnische oder lettische Staatsbürger, bis viele von ihnen im Sommer 1946 zurückgeführt wurden.
September 1945 Verträge zwischen der alliierten Militärregierung und der Stadt Münster regelten die Pflege der Gräber von russischen und britischen Verstorbenen.