Über 12.000 Schicksale in Münster
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs hinterließ auch in Münster Lücken auf dem Arbeitsmarkt. Schon kurz vor Kriegsbeginn wurden erstmals Häftlinge von Konzentrationslagern, vor allem Juden, zum Arbeitseinsatz gezwungen. Ab Herbst 1939 kamen zuerst Kriegsgefangene aus Polen, ab Juni 1940 aus Frankreich, Serbien und anderen eroberten Ländern zum Einsatz. Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion sind ab Sommer 1942 viele zivile Arbeiterinnen und Arbeiter zum Arbeitseinsatz ins Deutsche Reich und auch nach Münster verschleppt worden. Dazu gehörten Menschen aus den heutigen Staaten Russland, Ukraine, Weißrussland oder aus Lettland, Litauen und Estland. Ab Sommer 1943 wurden auch viele ehemals verbündete italienische Soldaten, die so genannten italienischen Militärinternierten, zur Arbeit gezwungen.
Mindestens 12.000 Menschen leisteten in Münster Zwangsarbeit. Hinter dieser Zahl verbergen sich viele Einzelschicksale. In der nationalsozialistischen Ideologie hatten Menschen abhängig von ihrer Herkunft unterschiedlichen Wert. Dementsprechend unterschiedlich waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Niederländer, Belgier oder Franzosen zählten die Nationalsozialisten zu den „germanischen Nachbarvölkern“. Sie wurden besser behandelt als etwa polnisch-jüdische und sowjetische Kriegsgefangene oder Häftlinge aus Konzentrationslagern. Ihr Arbeitseinsatz war oft lebensgefährlich, die Versorgung katastrophal. Viele von ihnen starben.
Sie stammten aus Bulgarien, Italien (bis 1943), Kroatien, Rumänien, Slowakei oder Ungarn, aus dem neutralen Spanien und dem besetzten Dänemark. Nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages konnten sie theoretisch in ihr Heimatland zurückkehren. Der Druck der deutschen Besatzungsbehörden auf die Bevölkerung der besetzten Gebiete schränkte sie aber in aller Regel erheblich ein. Oft war die Rückkehr in das Heimatland an strenge Bedingungen geknüpft.
Zu dieser Gruppe gehörten Kriegsgefangene vor allem aus Belgien, Frankreich, Großbritannien und Jugoslawien. Ihre Rechte waren eingeschränkt. Sie lebten in Lagern und unterstanden der Bewachung.
Sie wurden oft unter Zwang aus ihrer Heimat ins Deutsche Reich transportiert. Die Versorgungslage war schlecht. Die Sterblichkeitsrate in dieser Gruppe war hoch. Polnisch- oder russischstämmige Menschen standen am unteren Ende der nationalsozialistischen Ideologie. Polen und so genannte „Ostarbeiter” sah das Regime als Menschen zweiter oder dritter Klasse, die im Grunde rechtlos waren. Sie lebten unter deutlich schlechteren Bedingungen mit ungenügender Ernährung und harten Arbeitsbedingungen. Freiheiten wurden ihnen nicht gewährt.
Eine Sonderstellung nahmen italienische Militärinternierte ein. Als Verbündete des „Dritten Reiches“ genossen die Italiener bis zum Ausscheiden aus dem Bündnis Mitte 1943 einige Besserstellungen bei ihrer Arbeit im Deutschen Reich. Als Italien auf die Seite der Alliierten wechselte, wurde die Mehrzahl der italienischen Soldaten in Kriegsgefangenenlager eingewiesen; im Juli 1944 erfolgte, wie schon 1940 bei den polnischen Kriegsgefangenen, die völkerrechtswidrige Überführung in den Zivilarbeiterstatus.
Mitglieder dieser Gruppen waren den willkürlichen und rigiden Zwangs- und Verfolgungsmaßnahmen der NS-Machthaber besonders stark ausgesetzt. Ihrem Leben maßen die Nationalsozialisten geringen Wert bei. Die Versorgung war schlecht, die Arbeit gefährlich und hart. Sicherheit und Gesundheit wurden missachtet. Gewalt gehörte zum Arbeits- und Lebensalltag. Ihre Sterblichkeit war hoch.
Vasta Latysch erinnert sich an ihre Verschleppung im Alter von 15 Jahren nach Münster:
„Wir hatten ja den Einzelhof am Waldrand, und wir wurden dort niedergebrannt, wir wurden weggejagt, wir wurden von meinen Eltern getrennt, sie blieben zu Hause zurück ... Man trieb uns mit Peitschen - kurz gesagt, schrecklich. Wir wurden geschlagen, in eine Kirche getrieben, in der Kirche wurden wir eingesperrt, und wir blieben dort über Nacht, und dann verschleppte man uns nach Deutschland. Wir wussten nicht, wohin: Man trieb uns, setzte uns in so einen Waggon, in dem man Vieh transportiert, sperrte uns alle ein und so fuhren wir weg.”
Vier Lebenswege in Münster
Ernst Simons wurde am 20. November 1926 in Münster geboren. Von Oktober 1938 bis Oktober 1941 besuchte er in Berlin eine jüdische Oberschule. Als in Berlin die jüdische Schule mit Beginn der Deportationen geschlossen wurde, kehrte Ernst Simons im Oktober 1941 zu seiner Familie nach Münster zurück. Hier wurde er im Dezember 1941 als Hilfsarbeiter zum Arbeitseinsatz in einem Gartenbaubetrieb zwangsverpflichtet.
Im Mai 1943 wurde Ernst Simons zusammen mit seinen Eltern und mit seiner Schwester Lore (geb. 1933) nach Theresienstadt deportiert. Von dort aus geriet er am 28. September 1944 mit einem Transport nach Auschwitz. In dem Vernichtungslager ermordete die SS diejenigen sofort, die als nicht arbeitsfähig galten. Simons wurde zum Arbeitseinsatz gezwungen.
Wahrscheinlich gelangte er beim Herannahen der sowjetischen Truppen mit einem der berüchtigten Todesmärsche in das KZ Dachau. Dort kam Ernst Simons am 9. Januar 1945 im Alter von knapp 19 Jahren um. Seine Schwester Lore wurde am 9. Oktober 1944 zusammen mit ihren Eltern nach Auschwitz abtransportiert und dort sofort ermordet.
Eugenia Lejeune wurde am 26. Dezember 1922 im westflandrischen Watou geboren. Im März 1942 führten die deutschen Besatzungsbehörden in Belgien eine allgemeine Arbeitspflicht ein. Diese war im Lande selbst oder in Deutschland abzuleisten. Da in Belgien ein Mangel an Arbeitsplätzen bestand, sahen sich viele gezwungen in Deutschland zu arbeiten. Eugenia Lejeune meldete sich im Mai 1942 auf eine Annonce in der Westfälischen Tageszeitung und erhielt kurz darauf in Münster eine Stelle als Hausgehilfin.
Am 13. Mai 1943 wurde in der Universitätsfrauenklinik ihr Sohn R.-G. geboren. Zu dieser Zeit hätte sie nur mit dem Nachweis einer Arbeitsstelle in Belgien nach Hause zurückkehren können. Da Eugenia Lejeune minderjährig und ledig war, wurde ihr Kind vorerst in einem städtischen Kinderheim untergebracht. Eugenia Lejeune, die inzwischen als Drahtweberin tätig war, wurde am 5. November 1943 bei einem Bombenangriff auf dem Werksgelände der Firma Hupfer in Münster getötet.
Das Kind wurde später einem münsterischen Ehepaar übergeben. Durch Fälschungen in Meldeunterlagen gelang es, das Kind der Familie von Eugenia Lejeune in Belgien zu entziehen. Es wurde von den deutschen Pflegeeltern adoptiert. Erst im Herbst 2001 konnte R.-G. in langwieriger Recherche die Geschichte seiner Adoption und das Schicksal seiner leiblichen Mutter aufklären.
Alexandra Teslenko wurde am 2. Januar 1926 in Baschkovka in der Ukraine geboren. Seit Dezember 1941 galt in den besetzten Gebieten der Sowjetunion für Männer zwischen 15 und 65 Jahren und für Frauen zwischen 15 und 45 Jahren eine allgemeine Arbeitspflicht.
Alexandra Teslenko kam am 2. Juni 1942 nach ihrer Verschleppung von Baschkovka aus über das Verteillager Soest nach Münster. Seit dem 19. Juni 1942 arbeitete sie bei den Hiltruper Röhrenwerken als Gewindeschneiderin. Untergebracht war sie in einem auf dem Betriebsgelände von den Zwangsarbeitern errichteten Barackenlager.
Ein Fluchtversuch von Alexandra Teslenko zog die Einweisung in das Sammellager der Westfälischen Metallindustrie in Lippstadt nach sich. Einige Wochen später kehrte sie von dort völlig ausgehungert nach Hiltrup zurück.
Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Lager für verschleppte Ausländer in Gremmendorf wurde Alexandra Teslenko im August 1945 in die Ukraine zurück gebracht. Hier arbeitete sie eine Zeit lang als Bauarbeiterin, später als Leiterin der Einkaufsabteilung einer Bergwerkszentrale.
Nino Soprani wurde am 15. Juli 1924 in Fabbirco geboren. Im September 1943 wurde Soprani nach dem Waffenstillstand zwischen den italienischen und den alliierten Streitkräften von Soldaten der Wehrmacht gefangengenommen. Seine Lage im Kriegsgefangenenlager in Polen erwies sich als lebensbedrohlich, daher meldete er sich freiwillig zur Arbeit in der Landwirtschaft. Über das Lager Lathen, im Emsland, geriet er nach Münster in ein Barackenlager der Reichsbahn.
Seit Januar 1944 war Nino Soprani bei der Reichsbahn bei Kabelarbeiten für die Fernmeldemeisterei Münster eingesetzt. Untergebracht war er im Lager Geister Landweg. Später wurde Soprani einer zehnköpfigen Arbeitsgruppe zugeteilt, deren Aufgabe es war, nach Bombenangriffen beschädigte Schienen zu sammeln. Nach einer Verwundung gelang es Soprani, von einem Schneider für den Ausbau eines privaten Behelfsbunkers angefordert zu werden. Anstelle einer Bezahlung erhielt er nun eine etwas verbesserte Ernährung.
Nach der Befreiung durch die alliierten Truppen 1945 kehrte Soprani nach Italien zurück. Von dort wanderte er wenig später für neun Jahre in die USA aus. Nach seiner Rückkehr nach Italien arbeitete er in seinem Geburtsland als Lastwagenfahrer.