Zwischen Freiheit, erneuter Ausgrenzung und Entschädigung
Am 2. April 1945, Ostermontag, war der Krieg für Münster vorbei. US-amerikanische und britische Truppen besetzten nach harten Kämpfen die Stadt. Innerhalb der Promenade war Münster zu 90 Prozent zerstört. Die Versorgungslage war katastrophal. Mit dem alliierten Sieg endeten für die Zwangsarbeitenden Gewalt und Willkür der nationalsozialistischen Herrschaft.
Der Großteil der ehemaligen Kriegsgefangenen und der zivilen Zwangsarbeitenden wollte so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückkehren. Ihre Rückführung musste aber erst organisiert werden. Bis Herbst 1945 war der überwiegende Teil der aus der Sowjetunion stammenden Personen wieder in die Sowjetunion zurückgekehrt, aber nicht immer in ihre Heimatregionen. Im Herrschaftsbereich Stalins galten sie offiziell als „Kollaborateure“, also als Unterstützer Hitlers – sie hatten schließlich im Deutschen Reich gearbeitet. Misstrauen und erneute Diskriminierung wichen erst nach Jahrzehnten. Seit den 1980er Jahren begann eine Diskussion über die Anerkennung ihres Leids und über Entschädigungen von deutscher Seite.
Wladimir Gontscharov erinnert sich an das Kriegsende in Münster:
„Es war erstaunlich still. Hier und da hingen weiße Flaggen. Kein Mensch in Sicht. Neben einer zerstörten Brücke sahen wir zwei amerikanische Soldaten in Felduniform, mit Maschinenpistole um den Hals. Sie kauten pausenlos Kaugummi. Einer guckte uns an und fragte: ‚Rus?’ Ich nickte. Er holte eine Schachtel Zigaretten ‚Camel’ heraus und bot mir an zu rauchen. Er zeigte mit der Hand, dass ich sie nehmen kann. Damit war die Kommunikation zu Ende. Wir konnten kein Englisch, er weder Russisch noch Deutsch. Der zweite Soldat machte ein Zeichen, dass wir gehen müssen. Ich ... ging zurück ins Lager. Dort war niemand, bis auf zwei, drei Menschen. Sie wussten auch nicht, wo die anderen waren.”
Rückführung
Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in der Endphase des Krieges ihrem Schicksal überlassen. Die ohnehin schlechte Versorgung fiel weg. In den chaotischen Übergängen mit dem Kriegsende herrschte Ungewissheit, Chaos, mitunter Gewalt. Eine Versorgung und geordnete Rückführung der ausländischen Männer, Frauen und Kinder musste von den Besatzungsmächten erst organisiert werden. Sie wurden nun als „Displaced Persons” (DPs) bezeichnet und weiter in so genannten DP-Lagern untergebracht. Das ehemalige Zwangsarbeiter-Lager in Mecklenbeck etwa wurde zum DP-Lager umfunktioniert. Die Versorgung mit Lebensmitteln verbesserte sich allmählich für die Betroffenen. Im Gremmendorfer Lager richteten die Amerikaner eine Schule ein.
In der ersten Zeit nach Kriegsende kam es mehrfach zu Übergriffen und Racheakten verstreut lebender ausländischer Arbeitskräfte. Nach Jahren des Leids rächten sich ehemalige Zwangsarbeiter für die erlittene Brutalität. Auch für die Stadt Münster sind Raubüberfälle, auch vereinzelte Tötungen und Vergewaltigungen zu verzeichnen.
Ziel der Alliierten war die schnelle Rückführung der Menschen in ihre Heimatländer. Mitte August 1945 begann die Repatriierung der sowjetrussischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter: Nach dem Abkommen von Jalta sollten alle Sowjetbürger in die Hände der Roten Armee gegeben werden. Bis März 1946 wurde auch der überwiegende Teil der Sowjetbürger zurückgeführt. Sie kehrten dabei nicht zwangsläufig in ihre alten Heimatstaaten zurück, sondern landeten mitunter in einer entfernten Region der Sowjetunion. Für sie bedeutete das Kriegsende nicht unbedingt auch das Ende ihrer oft jahrelangen Leidenszeit. Häufig galten sie nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion als Kollaborateure und als „Volksverräter”, weil sie den Deutschen lebend in die Hände gefallen waren und lebend zurückkehrten.
Ein Teil der ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiter zog deshalb den Verbleib in Deutschland vor. Darunter waren Angehörige der vormals unabhängigen Staaten, die nun zur Sowjetunion gehörten. Auch ein Teil der Polen blieb in den DP-Lagern der Alliierten in Mecklenbeck oder Hiltrup, da sie in ihrer Heimat keine Perspektiven sahen. 1950 wurden die vier münsterischen DP-Lager an das Sozialministerium NRW übergeben. Dort lebten noch immer ca. 4.000 Menschen. In Kinderhaus ging aus einem vormaligen Flüchtlingslager 1951 das Lettische Gymnasium hervor.
Erinnerung
In der deutschen Nachkriegsgesellschaft herrschte ein Bild der Zwangsarbeiter vor, das von den Übergriffen mancher befreiter Zwangsarbeiter in den ersten Nachkriegswochen geprägt war. Oft wurden diese Plünderungen befreiten Polen und Russen zugeschrieben. Das Unrecht von Verschleppung und Ausbeutung trat dagegen in den Hintergrund. Die Erinnerung an Zwangsarbeit verschwamm auch mit der Umwandlung ehemaliger Zwangsarbeiter-Lager, etwa des Hiltruper Waldlagers, in Unterkünfte für Bombengeschädigte, Flüchtlinge oder Vertriebene. Die Suche nach vermissten oder getöteten Ausländern initiierten die alliierten Besatzer. Die Toten wurden systematisch erfasst und auf gemeinsame Grabfelder umgebettet.
Die Frage nach einem zumindest symbolischen materiellen Ausgleich für das mit Verschleppung und Ausbeutung verbundene Unrecht wurde lange beiseite geschoben. In den Akten der zwischen 1954 und 1968 in der Villa ten Hompel untergebrachten Wiedergutmachungsstelle für den Regierungsbezirk Münster findet sich nur ein einziger Antrag eines ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters. Er wurde abgelehnt, mit der Begründung, es handele sich nicht um einen Fall rassischer, politischer oder religiöser Verfolgung durch das NS-Regime. Gerade im sowjetischen Einflussbereich war der Kontakt zu deutschen Behörden oder Gerichten weiterhin kaum möglich. In der Villa ten Hompel befindet sich heute der Geschichtsort, die Gedenkstätte der Stadt Münster.
Andererseits kam es in den Jahrzehnten nach Kriegsende gerade im ländlichen Bereich vereinzelt zu Briefkontakten oder gegenseitigen Besuchen zwischen Deutschen und „ihren” ehemaligen Kriegsgefangenen oder zivilen Zwangsarbeitern.
Entschädigung
Ende der 1990er Jahre entwickelte sich auch auf internationalen Druck eine öffentliche Diskussion über die Frage der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. In diesem Rahmen begann auch die eingehendere wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas. Am 6. Juli 2000 beschloss der Deutsche Bundestag, die Entschädigung durch die Errichtung einer Stiftung zu regeln. An der Stiftung beteiligte sich auch die deutsche Wirtschaft. Kurz darauf beschlossen die christlichen Kirchen, die Entschädigung der Fremdarbeiter in ihren Einrichtungen selbst vorzunehmen.
Der Anspruch der Betroffenen auf Entschädigung beträgt im Regelfall ca. 2.500 Euro, wobei die große Gruppe der Kriegsgefangenen oder der italienischen Militärinternierten von Zahlungen ausgeschlossen wurde. Ehemalige Häftlinge von Konzentrations- und Arbeitserziehungslagern erhielten 7.500 Euro. Zur Auszahlung der Entschädigungsleistungen haben die Betroffenen den Nachweis zu erbringen, dass sie tatsächlich in Deutschland Zwangarbeit geleistet haben. Die Bestätigungen über ihren Zwangsaufenthalt zu bekommen, ist ein sehr mühsames Verfahren.
Das Stadtarchiv Münster hatte nach dem Bundestagsbeschluss 91 Anfragen im Jahr 2000, im Folgejahr 127 und 134 derartige Anfragen im Jahr 2002 zu beantworten. Eigentlich eine geringe Zahl, wenn man von über 12.000 Zwangsarbeitern allein in Münster ausgeht. Angesichts der über 50 Jahre, die seit Kriegsende vergangen waren, kamen wenige noch lebende Betroffene in Frage. Für sie war die Durchsetzung ihrer Ansprüche oft anstrengend und aufwändig.
Spätere Besuche
Mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Zerfall der Sowjetunion und der Wiedervereinigung 1990 gewann die Frage einer Entschädigung für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gerade aus Osteuropa eine neue Aktualität. Als sich die Einrichtung eines Entschädigungsfonds und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” hinzogen, entwickelten münsterische Bürger auf Initiative von Pfarrer Werner Lindemann und in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund ein eigenes, individuelles Unterstützungsprogramm für ehemalige Opfer. In den Jahren 2000 und 2001 kam es im Rahmen des Programms mehrfach zu Begegnungen zwischen Münsteranern und belarussischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.
Diese Initiative wurde seit 2001 ergänzt durch ein von Dr. Gisela Schwarze und dem Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie” angeregtes Hilfs- und Begegnungsprogramm mit der Ukraine und Russland.
Der Rat der Stadt Münster unterstützte diese Initiativen und richtete zudem das Projekt „Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter” im Stadtarchiv und im Geschichtsort Villa ten Hompel ein (Laufzeit 2000 bis 2002). Im Rahmen dieses Projekts wurden Bescheinigungen für in Münster geleistete Zwangsarbeit ausgestellt. Außerdem konnten auf Grundlage von Briefwechseln und lebensgeschichtlichen Interviews eine Ausstellung und ein Ausstellungskatalog erstellt werden. Die Ergebnisse dieser Ausstellung werden auf diesen Internetseiten dargestellt. Außerdem ist das Thema Zwangsarbeit mit Schulgruppen in historisch-politischen Bildungsangeboten erarbeitet worden.