Seiteninhalt
Forschung: Laufende Projekte
Exile Letters
Korrespondenzen jüdischer Familien aus Münster. Ein Kooperationsprojekt des Instituts für vergleichende Städtegeschichte (IStG) und der Villa ten Hompel (VtH)
Das digitale Editionsprojekt „Exile Letters“ – ein Kooperationsprojekt mit dem Institut für vergleichende Städtegeschichte – erschließt, ediert und kommentiert Ego-Dokumente jüdischer Familien aus Münster, die vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Verfolgung durch Flucht und Emigration getrennt wurden.
Momentan werden drei Korrespondenzbestände aus der Sammlung Gisela Möllenhoff / Rita Schlautmann-Overmeyer (Dep. 446) bearbeitet: Die Friedeman-Waldeck-Kollektion, das Pilotprojekt, ist bereits vollständig online recherchierbar. Die Briefkonvolute der Familien Kaufmann und Seelig werden derzeit für die Edition vorbereitet. Der Schriftverkehr der drei Ehepaare Kaufmann, Seelig und Waldeck umfasst insgesamt mehr als 700 Briefe. Gemeinsam ist diesen drei Familien, dass sie bis zum Machtantritt Hitlers 1933 Teil der münsterischen Stadtgesellschaft gewesen und in der NS-Zeit zwangsweise getrennt worden waren. Alle Kinder konnten – anders als die Eltern – aus Nazi-Deutschland entkommen, und zwar nach Argentinien, Dänemark, Palästina und in die USA. Mit dem Novemberpogrom 1938 wurde den in Münster verbliebenen Elternpaaren endgültig jegliche Illusion einer weiteren Zukunft in Deutschland genommen. Sämtliche Rettungsversuche der Kinder misslangen: Das Ehepaar Kaufmann sowie die Eltern Seelig mit ihren beiden Söhnen wurden 1941 ins Ghetto Riga deportiert; nur Lucie Kaufmann überlebte. Carl und Henny Waldeck kamen 1944 im Ghetto Theresienstadt beziehungsweise im Vernichtungslager Auschwitz ums Leben.
Kollektionen
Kollektion Friedeman-Waldeck
Dezember 2024: Maya Waldeck, Kanada (li.), Ruth Federman Stein und Josh Federman, USA,
bei der Projektvorstellung in der Stadtbücherei Münster © Rita Schlautmann-Overmeyer
Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung „Geschichte der Juden in Münster“ lernten Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer 1988 Gerda Friedeman geb. Waldeck (1914-2015) aus den USA kennen. Diese übergab ihnen etwa 20 Originalbriefe ihrer Eltern, die jüdischen Kaufleute Henny und Carl Waldeck, aus den Jahren 1940/41, die seither zum Depositum 446 in der Villa ten Hompel gehören. Die Briefe richten sich an die in verschiedene Teile der Welt emigrierten fünf Waldeck-Kinder. Zusammen mit den mehr als 100 Briefen, die Gerda zwischen 1939 und 1942 von ihrem ins englische Exil geflüchteten Ehemann Simon Friedeman erhalten hatte, bilden sie den Grundstock für die digitale Briefedition „Exile Letters“. Hierfür haben die Mitarbeitenden des Instituts für vergleichende Städtegeschichte, Rita Schlautmann-Overmeyer und Simon Dreher, die Briefe erschlossen, kommentiert und ediert sowie auf der Webseite exileletters.de veröffentlicht; sämtliche Texte sind auch in englischer Übersetzung abrufbar. Die insgesamt 162 Selbstzeugnisse der während des Nationalsozialismus getrennten Familie Friedeman-Waldeck erzählen von Verdrängung und Verfolgung der jüdischen Gemeinschaft in Münster einerseits und von Flucht und Neuanfang im Exil andererseits. Acht Jahrzehnte nach der Ermordung von Gerdas Eltern nahmen zwei Waldeck-Enkelinnen und ein Urenkel aus den USA und Kanada am 11. Dezember 2024 an der Projektvorstellung in Münster – eine Kooperation des Instituts für vergleichende Städtegeschichte mit der Villa ten Hompel und dem Stadtarchiv – teil.
Auch im Netzwerk Correspsearch.net und auf der Plattform „Jüdische Geschichte online“ ist diese Korrespondenz zu finden.
Detaillierte Informationen zur Edition Friedeman-Waldeck bietet der Forschungsbericht des Instituts für vergleichende Städtegeschichte von 2025 auf den Seiten 30-33 und 42-43.
Kollektion Anita Seelig
Beziehung Absender – Adressat im Briefwechsel Anita Seelig © Design: Simon Dreher
Anita Prager geb. Seelig (1923-2012) übergab Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer einige Briefe ihrer Eltern während der Begegnungswoche 1991, zu der die Stadt Münster vertriebene jüdische Bürger eingeladen hatte. Ihre Enkelin, Maya Reitan, stellte 2018 der Villa ten Hompel sämtliche Seelig-Digitalisate für Forschungszwecke zur Verfügung. Anita Seelig war 1934 mit den Pflegeeltern nach Italien emigriert und gelangte 1939 mit der Jugend-Alija nach Palästina. Dort erhielt sie sowohl Post von ihren leiblichen Eltern aus Münster, die schließlich Opfer des Holocaust wurden, als auch von ihren Pflegeeltern aus Italien. Der Pflegevater, Rudolf Seelig, starb in italienischer Internierung, die Pflegemutter Else Seelig konnte Anita 1946 nach Palästina folgen. Alle 114 Briefe – die zum einen die Dynamik der Ausgrenzung und Entrechtung thematisieren und zum anderen die stete Hoffnung auf eine Ausreisemöglichkeit – sollen zusammen mit einer Faksimileansicht sowie ausführlichen Anmerkungen, auch in englischer Übersetzung, online ediert werden und über vielseitige Navigations- und Suchfunktionen erreichbar sein.
Eine Auflistung der Seelig-Briefe mit Datum, Absender und Adressat finden Sie hier.
Die 14 überlieferten Briefe von Reinhold und Meta Seelig sind 2021 als Band sieben der Reihe „Villa ten Hompel – Sammlung“ gedruckt worden.
Kollektion Familie Kaufmann
1939: Hans Kaufmann in Dänemark © Privatbesitz Michael Kaufmann
Mitglieder der Familie Kaufmann hatten Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer 1990 während einer Israel-Recherchereise kennengelernt. Die Kaufmann-Korrespondenz umfasst ca. 500 Schriftstücke aus den Jahren 1938 bis 1951. Das Rechtsanwalts-Ehepaar aus Münster, Ludwig (1882-1942) und Lucie Kaufmann (1894-1951), ermöglichte seinen beiden Kindern im Alter von 14 und 15 Jahren und seiner 21-jährigen Pflegetochter die Emigration nach Dänemark bzw. Palästina. Das Ehepaar selbst wurde im Dezember 1941 ins Ghetto Riga deportiert, nur die Ehefrau überlebte. Die Schriftstücke geben einen persönlichen Einblick in das Leben und Schicksal dieser Münsteraner Familie. Auch sie sollen mit einer Faksimileansicht sowie ausführlichen Anmerkungen und in englischer Übersetzung im Rahmen des Projekts „Exile Letters“ ediert werden und online über vielseitige Navigations- und Suchfunktionen erreichbar sein.
Eine Auflistung der Kaufmann-Briefe mit Datum, Absender und Adressat finden Sie hier.
Ein Biogramm von Ludwig Kaufmann findet sich im Geoportal „Stolpersteine Münster“, ein Kooperationsprojekt der Villa ten Hompel mit dem Katasteramt Münster.


