Ursula Krechel: Vom Herzasthma des Exils
In der Fülle der Literatur zu Flucht und Exil beeindruckt mich das neue Buch von Ursula Krechel. Auf insgesamt nur 160 Seiten gelingt es ihr, informative und berührende Fakten zu Fluchtorten weltweit und zur Lage von Menschen im Exil zu vermitteln.
Wer weiß schon von den 80.000 deutschen Geflüchteten, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris zu überleben versuchten? Wer hat gehört davon, dass Shanghai während des Zweiten Weltkriegs eine Anlaufstelle für Juden war, die vor dem Nationalsozialismus flohen? Und wer erinnert sich an die Einschränkungen, die vietnamesische „boat people“ in der ehemaligen DDR zu erleiden hatten?
Ursula Krechel schreibt präzise darüber, wie Menschen an Flucht und Exil dauerhaft leiden, ähnlich einer chronischen, schweren Erkrankung: „[...] sie erfaßt den Geist, das Gemüt, häufig auch den Körper. Zu sehr ist der Emigrant, der Jahre und Jahrzehnte in der [...] fremden Welt verbracht hat, seinem Ursprung entfremdet, zu tief ist die Kluft, die Ausgewanderte oder Geflohene von Daheimgebliebenen trennt.“
Als beeindruckend genau empfinde ich ihr kritisches Durchdenken gegenwärtiger Praktiken zur Kontrolle von Einwanderern in Deutschland und der EU. Sie fragt, was gewesen wäre, wenn die vor den Nazis geflohenen Deutschen in ihren Aufnahmeländern die Bedingungen vorgefunden hätten, die heute in der EU bestehen. Und sie räumt mit häufigen Behauptungen auf, wie dass Europa für die meisten Menschen das begehrteste Fluchtziel sei.
Ursula Krechel kennt sich als Romanautorin und Lyrikerin treffsicher mit Sprache aus, auch deswegen hat mich die Lektüre mitgerissen und bewegt.