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Literaturline
Lesung Januar 2026
Yulia Marfutova: „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“
„Alle Familiengeschichten sind Mäusegeschichten. Wer soll sie sonst erzählen, die Geschichten, wenn nicht die Mäuse, die sich so schmal machen können, dass sie durch die kleinsten Ritzen gelangen?“
Marina und Nina haben Träume. Marina, die Tochter, träumt davon, eines Tages die Sowjetunion zu verlassen, einen Koffer zu packen und die Chance auf ein anderes Leben zu ergreifen, egal, wie klein sie auch sein mag. Nina, die Mutter, ist Ingenieurin und hat hellseherische Träume und träumt von einem Koffer. Rechts unten eine Delle, oben links eine Schramme. Das wissen die Mäuse, die diese Geschichte den Töchtern von Marina erzählen, siebzehn, sechzehn und zehn Jahre alt, ganz genau. Woher sie das wissen? Mäuse wissen sowas halt.
Marinas Töchter sind in Deutschland geboren worden. Sie wissen, wo ihre Mutter geboren wurde, sie können sich eine Datscha vorstellen, kennen den Refrain von „Partisanskaja boroda“ auswendig und wissen, was ein Pionierehrenwort ist und was ein Dibbuk. Aber wie ihre Mutter als junges Mädchen gewesen ist, das wissen sie nicht.
Wie erzählt man sich eine Geschichte, von der man nur die Geister kennt und die voller Lücken ist? Yulia Marfutova erzählt in „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ (Rowohlt 2025) mit viel Phantasie, einer wohldosierten Prise Ironie und Gespür für die Fallstricke des Erzählens von der Suche nach der Vergangenheit in der eigenen Gegenwart.
Yulia Marfutova, geboren 1988 in Moskau, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und promovierte in Münster. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie unter anderem Werkstipendien des Berliner Senats und des Deutschen Literaturfonds sowie den GWK-Förderpreis für Literatur. Sie war Stipendiatin des Brecht-Hauses und der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Meisterklasse der Berliner Festspiele und des Literarischen Colloquiums Berlin. „Der Himmel vor hundert Jahren“, ihr erster Roman, war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses und dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis ausgezeichnet. Yulia Marfutova lebt in Boston.
Für die Literaturline liest Yulia Marfutova eine leicht gekürzte Version des Romananfangs.


