Stadt Münster: Kulturamt - Herta Müller

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Paris – Palmyra

Herta Müller

im Gespräch mit Ernest Wichner:
„Mein Vaterland war ein Apfelkern“ – ein Gang durch das erzählerische, das essayistische und das Collagenwerk

Theater Münster: Großes Haus
Sonntag, 24. September 2017, 18 Uhr

Moderation: Ernest Wichner und Hermann Wallmann

Außer … einzelnen Wörtern gab es auch Sätze. Auch sie blieben an mir hängen. Einer davon:
Wenn man eine Schwalbe tötet, gibt die Kuh rote Milch.

Es ist der Aberglaube, mit seiner schönen, drohenden, verrutschten Logik. Wie kommt das Blut der Schwalbe in die weiße Milch. Es steckt ein absurdes Theater in diesem Satz und es gibt nichts zu verstehen. Es gibt auch nichts zu erklären, dafür ist es viel zu sehr poetisch aufgeladen. Das Rote hat die Überhand bekommen, ROTE MILCH hat mit Milch gar nichts mehr zu tun. Es geht auf undurchschaubare Weise um Angst, Gefahr, Hilflosigkeit, Willkür, Gewalt – das ganze Material der Zustände, der Herrschaft. Rote Milch sind auch die Stunden beim Verhör, auch die Suizide, die hinterrücks arrangierten oder wirklichen Zufälle. Das kleine Ganze und die vielen großen ungeklärten Details sind rote Milch. Auch der Schmerz der Wirklichkeit im Verrat, der Tod von Freunden. Alles Unerträgliche der Diktatur ist rote Milch. Das Wort Milch wollte vielleicht einmal in meiner Kindheit zärtlich bleiben. Aber es wurde monströs. Es hat sich verselbständigt.

Rote Milch mischt sich bis heute in die Nachrichten der Zeitungen, der Bildschirme, der Tage. Und ich glaube, es hilft mir, obwohl es mir öfter einfällt als ich möchte. Es macht mit mir, was es will.

Aus: Herta Müller, Die Wörter blieben an mir hängen. In: Akzente 3/2015, Carl Hanser Verlag, München 2015, S. 19


„Der sogenannte fremde Blick, der ihr attestiert werde, sei allerdings nicht geografisch, sondern biografisch bedingt. Er komme vom Verlust der Selbstgewissheit, den sie in Rumänien erlebt habe. Und dieser fremde Blick ist es, der ihre Romane und Wort-Collagen so einzigartig macht.“ Sandra Leis, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag

Herta Müller, geb. 1953 in Nițchidorf, Volksrepublik Rumänien, ist im rumänischen Banat aufgewachsen. 1987 reiste sie in die Bundesrepublik Deutschland aus. 2009 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Herta Müller habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, heißt es in der Begründung der Jury. Im Jahr 2015 wurde die Schriftstellerin mit dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln und dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Universität und der Universitätsstadt Tübingen ausgezeichnet. Sie repräsentiere eine „virtuose Sprachgenauigkeit, eine klare Haltung und Unbestechlichkeit so überzeugend wie kaum jemand sonst“, auch finde man selten „einen so profunden Ausdruck von Fremdheitserfahrung wie bei Herta Müller“, begründete die Tübinger Jury ihr Urteil.

Zuletzt erschienen u.a.: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika
Klammer. München 2014; Hunger und Seide. Essays. München 2015.

Ernest Wichner, geb. 1952 in Zăbrani (deutsch Guttenbrunn) in der Region Banat, Volksrepublik Rumänien, lebt als Autor, Literaturkritiker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Seit 2003 ist er Leiter des Literaturhauses Berlin. 2005 erhielt Wichner den Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie zusammen mit Daniel Bănulescu. Als Übersetzer ermögliche Wichner „dem deutschen Publikum seit vielen Jahren mit kongenialen Übertragungen faszinierende Einblicke in die bedeutendsten Werke der modernen rumänischen Literatur“ und bringe „auch gerade jene subtilen Ambivalenzen und semantischen Mehrdeutigkeiten ins Deutsche“, urteilte die Jury.

Zuletzt erschienen u.a.: bin ganz wie aufgesperrt. Gedichte. Heidelberg 2010.

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